Tatort #allesdichtmachen, Folge 2: Empörung

von | Apr 26, 2021 | Allgemein | 0 Kommentare

Als Reaktion auf die #allesdichtmachen Aktion macht sich bei vielen Menschen vor allen Dingen eine Gefühlsregung breit:

Die Empörung.

Man ist empört, dass sich angesehene Künstler in einer solch ernsten Situation derart über die Politik lustig machen.

Man ist empört, dass sie mit dieser Aktion alle Corona-Kranken, deren Angehörige und das Pflegepersonal verhöhnen.

Man ist empört, dass sich diese angesehenen Künstler in dieselbe Ecke mit Rechtsradikalen, Querdenkern und Reichsbürgern stellen.

Empörung. Empörung. Empörung.

Man distanziert sich deutlich.

Meint man jedenfalls……

Ich bin diesem besonderen Gefühl der Empörung nachgegangen.

Empörung ist nicht gleich Wut.

Wut ist eine sehr starke Kraft.

Empörung hingegen ist eine Kraft, die doch gleichzeitig irgendwie „ausgebremst“ zu sein scheint.

Empörung fühlt sich nicht befreit an.

Und auch nicht befreiend.

Wut kann sehr wohl befreien.

Wut kann zerstören und erschaffen.

Empörung ist eher wie ein Deckel auf einem drohenden Wutausbruch.

Empörung ist auch nicht gleich Entrüstung.

Entrüstung ist gleichbedeutend mit Entwaffnung.

Sagt ja das Wort schon.

Sich zu entwaffnen heißt, sämtliche Schutzschilder nieder zu legen. Was man dann tun kann, wenn man zum Beispiel in seiner vollen Wutkraft ist, die ganz selbst als Waffe taugt, weswegen man sich dann entrüsten kann.

Empörung.

Um die Gefühlsqualität der Empörung zum Ausdruck zu bringen, müsste das Wort mindestes mit drei großen „Ö“ und noch einem kleinen „h“ danach geschrieben sein.

Wenn wir uns empören, dann dauert es meist nicht lange, bis auch das Wort Unverschämtheit fällt.

Wir empören uns über die Unverschämtheit anderer.

Darüber, dass sie keinerlei Scham empfinden.

Dass sie keinerlei Scham empfinden an Stellen, wo wir es tun.

Uns schämen.

Ich habe nach einem Beispiel aus meinem eigenen Leben gesucht, wo ich schon Empörung empfunden habe. Es ist immer schambehaftet und peinlich, sich ganz wahrhaftig damit auseinander zu setzen, damit wären wir wieder bei der „Unverschämtheit“. Aber da müssen wir durch.

In meinem Dorf gibt es eine Frau, circa Ende 50, die eine für ihr Alter unverschämt (sic!) gute Figur hat, mit perfekt geformten Beinen, die sie dann auch gerne mit entsprechend knapper Kleidung und kurzen Röckchen zur Schau stellt.

Unverschämt!
In DEM Alter!
Ich bin empööööhrt!

Ich bin empört, dass mir diese blöde Tussi jedes Mal, wenn ich sie in ihrem knappen Fummel sehe, zu verstehen gibt, dass ich eine faule und verfressene Kuh bin, die – im Gegensatz zu dieser Tussi – nicht die Disziplin aufbringt, drei Mal pro Woche ins Fitnessstudio zu gehen, mir dort auf dem Climber einen abzuschwitzen und ab mittags auf Kohlehydrate zu verzichten.

Unverschämtheit! Wie kann man nur!?

Äh? Wer jetzt….?

Empörung ist eine Abwehrreaktion. Ein Schutzschild, das uns davor bewahren soll, bei uns selbst zu schauen, nicht zu sehen, was es mit uns ganz selbst zu tun hat, wenn wir uns über etwas oder jemand anderen empören.

Nicht zu sehen, was da in Wahrheit in uns ist, an Haltung, an Überzeugung, die zu haben wir uns schämen, weswegen wir niemals die Unverschämtheit besitzen würden das zu tun, was diejenigen taten, die uns derart empören.

Empörung birgt in sich auch das Wort „empor“. Wir erheben uns künstlich über den oder die, die uns empören, weil jede Augenhöhe mit ihnen uns mit unserer eigenen schambehafteten Wahrheit konfrontieren würde.

Ich bin mir sicher, dass nicht wenige sich in den Aussagen der Künstler wieder gefunden haben. Dass sie tief in sich selbst, in ihrer Seele wussten: Das ist wahr, was der oder die da sagt. Das habe ich auch schon gedacht. Das habe ich auch schon so empfunden. Das habe ich mich auch schon so gefragt. Ganz heimlich still und leise.

Denn hätte ich all das, was in mir ist, laut ausgesprochen, und sei es nur vor mir selber, dann wäre mein ganzes bisheriges Glaubenskonstrukt – das letzte, an dem ich mich in dieser herausfordernden Situation überhaupt festhalten kann – zum Einsturz gelangt.

Oder aber, und das wäre mindestens genauso schlimm: Ich wäre für meine ausgesprochene Wahrheit geächtet und von meinem bisherigen Kollektiv ausgeschlossen worden. Genau das, was den Künstlern gerade geschieht.

Und davor habe ich Angst!

Und deswegen empöre ich mich!

Zu schauen, was der Stein, an dem wir uns bei anderen anstoßen, mit uns selbst zu tun hat, kann – aller Gefahren der Selbstoffenbarung zum Trotz – sehr hilfreich und befreiend sein.

Erst, wenn wir diesen Stein des Anstoßes in uns selbst gefunden haben, können wir ihn in die Hand nehmen und damit denjenigen steinigen, den wir aus lauter Empörung so gerne steinigen wollen. Vermutlich werden wir aber genau das dann gar nicht mehr wollen.

Und vielleicht verstehe ich erst jetzt, wo ich diesen Text aufschreibe, zum allerersten Mal diesen einen Satz Jesu aus dem Thomaseveangelium – das die Kirche übrigens bis heute nicht anerkannt hat:

Hebe einen Stein, und du wirst mich finden.

In diesem Sinne:

Packen wir’s!

Melanie Kaltenbach

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