Das letzte Hemd

von | Nov 6, 2021 | Allgemein | 0 Kommentare

Innerhalb von nur zwei Monaten ereigneten sich zwei große Naturphänomene, durch welche tausende Menschen alles verloren haben, was sie hatten. Das eine Phänomen ist die Flut in Deutschland Mitte Juli, das andere ist der Vulkanausbruch auf unserer Nachbarinsel La Palma, der am 19. September begann und heute – Stand 07. November – noch immer anhält. Lava und Asche haben den touristisch beliebtesten Teil der Insel unter sich begraben. Für tausende Menschen bedeutet es das existenzielle Aus.

Als die Flut durch das Ahrtal und die Eifel zog und ein Bild unvorstellbarer Zerstörung hinterließ, musste ich ständig an meine eigene Erfahrung zum Thema „Alles Loslassen“ denken. Als ich im September 2007 entschied, meinen Lebensmittelpunkt nach La Gomera zu verlegen und nahezu meinen gesamten Hausstand aufzulösen, begann ein zweimonatiger intensiver Prozess des Loslassens. Mutterseelenallein ging ich durch die tiefen dunklen Täler der Existenzangst. Wer war ich denn noch, wenn ich all das, was ich in den letzten Jahren an Besitz angesammelt hatte, nicht mehr besitzen würde? Was bliebe dann noch von mir? Was würde dann noch von Bedeutung sein? An was würde ich mich festhalten können? Eine Woche lang war ich sogar obdachlos. Ich hatte meinen alten Wohnungsschlüssel abgegeben und bis zum Bezug meiner neuen Wohnung auf La Gomera lebte ich eine Woche lang als Gast in einem Ferienapartment. Aber ohne das, was man allgemein als „festen Wohnsitz“ bezeichnet. Das war eine kurze, aber sehr aufschlussreiche Erfahrung.

Dieser intensive Prozess des Loslassens und die damit verbundene extreme Erfahrung waren von mir aus freien Stücken und voll bewusst so gewählt und ich hatte genügend Zeit für die Transformation dieser Erfahrung. Als wir im Sommer 2012 auf La Gomera das verheerende Inselfeuer hatten und für ein paar Stunden die Gefahr bestand, dass unser gemietetes Haus den Flammen zum Opfer fallen würde, war ich zutiefst dankbar für meine vorherige Erfahrung. Ich überlegte, um was es mir wirklich leid täte, wenn es für immer verloren wäre und ich fand zu meinem eigenen Erstaunen nur zwei Dinge: Ein kleines Täschchen mit unwiederbringlichen Andenken an die Babyzeit meiner Töchter und mein Laptop. Das aber auch nur wegen der ersten Fotos und Filme meiner Kinder. Alles andere – und das erstaunte mich wirklich – war mir egal. Es war nur Materie, an der nichts Wesentliches hing und die wieder zu beschaffen ein Leichtes war.

Aktuell haben wir einige Menschen hier auf Gomera, die einst nach La Palma ausgewandert sind und deren Häuser oder Wohnungen von der Lava begraben wurden. Ich höre, was sie erzählen und lese, was sie schreiben. Und staune. Wie sie sich mit ihrem neuen und nun verloren gegangenen Besitz identifizieren und sehe, wie anders der Auswanderungsprozess bei ihnen offenbar verlaufen ist. Dass sie erneut in die Identifikation mit einem festen Wohnort und vermeintlichem Besitz gegangen sind, wie viel Sicherheit sie dort hinein gelegt haben und wie sie nun völlig verloren in der Luft hängen. Über die Gefühlswelt der betroffenen Palmeros wage ich nicht zu urteilen. Die kanarische Seele ist eine ganz andere, als die deutsche. Kein Canario würde jemals freiwillig seine „tierra“, sein Land verlassen, wenn es nicht dringend notwendig ist. Die Verwurzelung mit der Heimat und die Verbindung mit den Ahnen ist voller Liebe und Respekt und eine ganz andere, als bei den Deutschen.

Mein Mann ist leidenschaftlicher Abenteuerreisender und hat viel von der Welt gesehen. Er war mit seinem Motorrad an allen möglichen Orten dieser Welt. Immer wieder sprechen wir als fixe Idee darüber, wie es wohl wäre, wenn wir ganz woanders hingingen. Ich sage dann immer: Ich habe das ein Mal gemacht, ich kann es jederzeit wieder tun. Es ist ein Umzug. Nicht mehr. Im Gegensatz zu meinem damaligen Umzug, wo ich meinen kompletten Besitz auf das Fassungsvermögen von vier Umzugskartons und einen Koffer reduziert hatte, würden heute noch das kleine Täschchen mit den Andenken und ein Stick mitgehen. Sehr viel mehr nicht.

Mir wurde damals auch bewusst, wie sehr einen Besitz gefangen hält und dass es die vermeintlichen Besitztümer sind, die einen selbst besitzen, anstatt dass es umgekehrt wäre. Allein das Wort „Immobilie“ beschreibt die Unbeweglichkeit und Unfreiheit, die darin liegen. Ich fand und finde es ohnehin nicht erstrebenswert, ein Stück Land oder eine Immobilie zu besitzen. Im Gegenteil. Ich finde es vollkommen absurd, dass Menschen einen Teil der Erde besitzen und andere Menschen nicht. Wie kann das sein? Auf welcher Berechtigung basiert das? Warum finden Menschen das normal, dass es so ist? Wäre es nicht viel logischer und sinnvoller, dass man ein Stück Land anvertraut bekommt, um es im Sinne Gottes zu hegen und zu pflegen? Aber Besitz…? Für die kurze Zeit, die wir hier auf Erden sind? Und wie viele Menschen verschwenden diese kurze Zeit ihres wertvollen Lebens, tun Dinge, die sie überhaupt nicht tun wollen, nur um ihren Besitz weiter anzuhäufen und auszubauen? Wie viele Menschen beuten andere Menschen und Mutter Erde aus, nur zu diesem Zweck? Weil sie meinen, das müsste so sein, das sei normal so und deswegen macht man es. Weil es ja alle so machen. Anstatt diese Haltung und ihren Ursprung einmal ganz radikal infrage zu stellen.

Innerhalb von nur zwei Monaten haben tausende Menschen völlig unvermittelt von jetzt auf gleich alles verloren. Durch massive Naturkräfte und unfreiwillig. Wenn ich es nicht bereits getan hätte, würde ich spätestens jetzt die Gelegenheit beim Schopfe packen und über „Besitz“ und meine Identifikation damit intensiv nachdenken. Und mir überlegen, was wirklich wichtig ist im Leben. Wo Erinnerungen tatsächlich gespeichert sind. Was „zu Hause“ wirklich bedeutet.

Und wer jetzt meint, ich sei mit meiner Haltung ein Befürworter der wirren Ideologie des Klaus Schwab, dem sei gesagt: Ein Mensch (wobei ich mir da bei Herrn Schwab nicht sicher bin), der Transhumanisus zum höchsten Ziel hat, ist in meinen Augen personifizierte Blasphemie! Ich meine etwas ganz anderes. Ich spreche von wahrer Freiheit. Von der alleinigen Weltherrschaft eines jeden über seine eigene kleine Welt. Ohne die eines anderen anzutasten oder zu beschädigen. Und das hat ganz viel – wenn nicht sogar alles – mit Gott zu tun.

„Das letzte Hemd hat keine Taschen“, heißt es im Volksmund. Am Ende unserer Zeit hier auf Erden nehmen wir nichtmal dieses letzte Hemd mit. Noch nicht mal unseren Körper. Alles, was wir zu sein meinten, werden wir aufgeben und loslassen müssen. Warum so viele Menschen trotzdem ihre Lebenszeit damit verbringen, ihre Taschen zu füllen, wird mir wohl ewig ein Rätsel sein….

Auf die Freiheit und das Leben!

Melanie Kaltenbach

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