Brief an: Roger Willemsen #1

von | Feb 10, 2021 | Allgemein, Uncategorized | 2 Kommentare

Lieber Herr Willemsen,

ich möchte zu Beginn meines Briefes ehrlich zugeben, dass Sie mich zu ihren Lebzeiten überhaupt nicht interessiert haben. Das hatte weniger mit Ihnen als Person zu tun, sondern mit ihrer Erscheinung, die etwas aus meinen Kindertagen kitzelte, das mir unangenehm war. Ich vermisste bei Ihnen immer den Geigenkasten, wie ihn die Überkandidelten hatten. Die, die alles besser wussten, die das gesamte Wissen der Welt schon mit der Muttermilch in jede ihrer Zellen aufgesogen hatten. Die in der Schulklasse in der ersten Reihe saßen und mit dem Lehrer geistig per Du waren. Die Streber. Ja, so kamen sie mir damals vor und das war so überhaupt nicht attraktiv für mich und verdrängte jeden ihrer wertvollen Inhalte in das Abseits meines Bewusstseinsraums.

Aber das macht nichts, denn Sie haben ein großes Erbe hinterlassen, dessen wahrer Schatz sich mir – wenn auch spät – doch peu à peu offenbarte und weiterhin offenbart. Vor ein paar Tagen jährte sich Ihr Todestag zum fünften Mal und Micky Beisenherz schrieb eine berührende Laudatio oder gar Ode für Sie. Nennt man das so!? Egal. Aus seinem Text und den unzähligen Reaktionen darauf konnte man deutlich erkennen, dass Sie von vielen Menschen schmerzlich vermisst werden. Es kam natürlich die Frage auf: Was würde Roger Willemsen zur aktuellen Lage der Welt sagen!?

Auch ich stellte mir diese Frage und kam zu der Antwort: Vermutlich ist Roger Willemsen einfach nur froh, dass er sich zu dem ganzen Scheiß nicht mehr äußern muss. Und weiter dachte ich: Was sollte Herr Willemsen zum Zustand der Welt sagen, was er nicht bereits gesagt hätte? Ist denn nicht schon alles gesagt? Und haben wir es nur noch nicht verstanden?

Ich meine, Sie haben so viele schöne Dinge über das Leben und den Tod gesagt. Zum Beispiel diesen Satz: „Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.“ Wie viele Menschen haben sich wohl ernsthaft damit auseinander gesetzt, was mit „Verdichtung des Lebens“ gemeint ist!? Ich habe es getan und für mich heißt es, jeden Moment intensiv zu leben, mit allem, was dieser Moment beinhaltet. Dieses berühmte „Hier und Jetzt“, das sich sofort wieder in Nichts auflöst, sobald man sich seiner gewahr wird. Und eben nicht darum, möglichst viele Jahre aneinander zu reihen, ein jedes von Sinnlosigkeit durchtränkt, aber Hauptsache möglichst viele davon.

Ich habe in Bezug auf Sie übrigens auch über das Thema „öffentliche Berühmtheiten“ nachgedacht und mich gefragt, warum man im Fernsehen immer dieselben öffentlichen Berühmtheiten sieht. Wo es doch so viele Menschen gibt, die etwas Kluges zu sagen haben, denen aber die Bühne fehlt, um gehört zu werden? Für mich ist zum Beispiel Richard David Precht ein Phänomen. Ich habe bis heute nicht verstanden, was dieser Mann so viel Klügeres sagt, als all die anderen Menschen, vor allem die Alten, die so viel zu sagen haben, nicht nur zu erzählen. Wer erfindet denn heute noch das Rad neu? Es ist doch schon alles erfunden. Und alles gesagt. Auch von Ihnen. Was brauchen die Menschen noch, bis sie endlich das bekommen haben, wonach ihr Herz so sehnlich begehrt? Wie viele kluge, schöne und poetische Bücher müsste denn ein Roger Willemsen geschrieben haben, bis die Menschen sagen können: „Jetzt ist es genug. Jetzt habe ich verstanden. Jetzt ist das Gefäß in mir voll. “ Angereichert von den klug und liebevoll aneinander gereihten Worten eines besonderen Mannes, der eine öffentliche Berühmtheit war. Wie viele Ihrer Leser haben Ihre Bücher wohl mehr als einmal gelesen? Wo man doch bei jedem weiteren Lesen desselben Buches so viel Neues finden kann? Wo sich einem wieder etwas erschließt, das sich einem vorher nicht erschlossen hat? Wie viele Bücher muss man lesen, um zu dem sicheren Gefühl zu kommen: „Jetzt ist es genug! Jetzt bin ich selber klug. Jetzt brauche ich keinen Roger Willemsen mehr, um ihn zu fragen, was richtig und was falsch ist und wie die Welt zu sein hat.“

Ja, wer weiß!? Vielleicht würden Sie genau das entgegnen, wenn Sie noch lebten und gefragt würden, was sie zur aktuellen Weltsituation zu sagen haben: „Es ist alles gesagt. Ihr könntet alles wissen, wenn ihr euch jemals interessiert und nicht nur konsumiert und verschlungen hättet. Wenn ihr wirklich eingetaucht wärt, in meine Zeilen und vor allem in die Zwischenräume, wo die Wörter einen Klang ergeben, der die Seele berührt und zum Schwingen bringt. Wenn ihr das offene Buch nur mal für eine Weile auf den Schoß gelegt und eure eigenen Gedanken hättet schweifen lassen. So lange, bis sie zu euch zurück geflogen wären, um an dem einzigen Ort Platz zu nehmen, an dem Antwort und Sattheit und Lebensdichte überhaupt zu finden sind –  in euch selbst.“

Ja, wer weiß!? Vielleicht würden Sie das sagen. Vielleicht auch nicht. Wir werden es leider nie erfahren.

Vielleicht müssten Sie aber auch gar nichts mehr sagen, wenn wir wenigstens ein bisschen verstanden hätten….

Danke, dass Sie hier waren!

 

Melanie Kaltenbach

 

2 Kommentare
  1. So schön ist das… trefflich geschrieben und sehr berührend.
    Lieben Dank für jedes Wort, jede Zeile, jedes Gefühl und jeden Gedanken.

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    • Herzlichen Dank, Conny!

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