Wotan. Oder: Der Tag, an dem mir Gott begegnete

Dies ist die privateste Geschichte, die ich jemals veröffentlicht habe. Alles hat seine Zeit. Jetzt ist jetzt:
Im Nachhinein mutet es mehr als lächerlich an und es ist mir beinahe peinlich, die Vorgeschichte zu erzählen, aber sie gehört nun einmal unabdingbar dazu:

Mein damaliger Freund und ich hatten einen Hund. Einen Hund zu haben, war seit Kindheit an der Traum meines Freundes. Irgendwann beschloss er, dass er gerne noch einen zweiten Hund hätte. Ich war zwar dagegen, zur damaligen Zeit aber aufgrund verschiedener Umstände nicht in der Lage, meinem Unmut gegenüber einem zweiten Hund deutlich Ausdruck zu verleihen. Also kam noch ein zweiter Hund dazu. Ein kleiner Welpe namens Wotan.

Da war er nun. Und ich fiel in ein tiefes, dunkles Loch. Eine ganze Woche lang heulte ich den ganzen Tag und aß kaum etwas. Mein Freund verstand die Welt nicht mehr. Ich auch nicht. Erst einige Zeit später wurde mir bewusst, dass dieser zweite Hund mein eigenes kindliches Geschwistertrauma getriggert hatte. Aber dies ist ein anderes Thema. Jedenfalls war ich todunglücklich mit der Situation des zweiten Hundes in unserem Haus.

Alles, was mir in meiner Verzweiflung einfiel war, Gott um Hilfe zu bitten. Ich sprach also mit Gott und schlug ihm einen Deal vor, damit der zweite Hund so schnell wie möglich wieder zu seinem Erstbesitzer zurück käme. Im Gegenzug zu Gottes Hilfe wollte ich ein Gelübde ablegen. Zwei Monate lang wollte ich jeden Tag einen heiligen Ort aufsuchen und dort eine Kerze anzünden. Zwei Monate, jeden Tag – das ist viel, wenn man auch noch einen vollen Alltag hat!
Nachdem ich Gott also meinen Vorschlag unterbreitet hatte, fing dieser lauthals an zu lachen und sagte: „Melanie, mit mir kannst du nicht handeln. Wenn du ein Gelübde ablegst, dann machst du das deshalb, um DIR der Dringlichkeit der Erfüllung deines Wunsches bewusst zu werden.“

Wie bitte!? Ich meine, das hat er wirklich so gesagt und wer bis gerade noch dachte, meine Gespräche mit Gott entsprängen meiner Fantasie, dem sei gesagt: Zu solchen Gedankengängen wäre ich in der damaligen Situation nicht ansatzweise imstande gewesen!
Ich war verzweifelt! Zutiefst verzweifelt! Und bat Gott um Hilfe! Und was macht der!? Lacht mich aus und wirft mich auf mich selbst zurück!? Ja, super! Danke für das Gespräch!

Nun gut. Es WAR mir WIRKLICH wichtig und ich war willens, diese Wichtigkeit in Form meines Gelübdes auch zu unterstreichen. Irgendetwas MUSSTE ich schließlich tun, egal, wie absurd es auch war. Und so begann ich also, mein Gelübde einzulösen und suchte ab sofort jeden Tag einen heiligen Ort auf, um dort ein Licht anzuzünden.
Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass mein Freund schon ein paar Tage später zu der Einsicht kam, dass es für unseren Haussegen in der Tat besser wäre, den Hund wieder zurück zu bringen. Wotan wurde zurück gebracht.
Sollte Gott sich möglicher Weise doch auf diesen Deal mit mir eingelassen haben…?

Egal, ich hatte zu tun! Und zwar, jeden und jeden verdammten blöden Tag einen heiligen Ort aufsuchen, was in Anbetracht der Tatsache, dass Kirchen tatsächlich Öffnungszeiten haben, gar nicht so einfach war! Herrschaftszeiten, was fluchte ich in diesen ersten Tagen über die Kirchen und ihre seltsamen Öffnungszeiten, die weder zu meinen Mittagspausen noch zu meinen Feierabenden passten! Gleichzeitig kam ich mir ein bisschen vor wie ein Betrüger, weil ich schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten war und demzufolge gar keinen Eintritt mehr zahlte. Und dann auch noch Ansprüche stellen wollen, oder wie!? Irgendwann stellte ich glücklicher Weise fest, dass es heilige Orte gab, die tatsächlich Tag und Nacht geöffnet waren:
Die Kapellen von Krankenhäusern!

So ging ich fortan also verstärkt in Krankenhauskapellen. Zur Mittagszeit in die des Krankenhauses, in dem ich geboren wurde. Dieses lag ganz nah an meiner damaligen Arbeitsstelle. Wenn ich es in der Mittagspause nicht geschafftt hatte, fuhr ich nach Feierabend in ein Krankenhaus nahe unserer Wohnung. Am Anfang war es wirklich lästig. Jeden Tag diese Kirchennummer einbauen! Aber ob es mir nun passte oder nicht: Gelübde war Gelübde.

Irgendwann stellte ich fest, dass sich etwas verändert hatte. Ohne, dass ich es zunächst bewusst bemerkte, begann ich, mich auf meine täglichen fünf Minuten in Stille und Andacht und mit Gott zu freuen. Und verlängerte meine fünf Minuten freiwillig auf zehn bis fünfzehn Minuten. Diese Zeit an meinem heiligen Ort war für mich oftmals die einzige Gelegenheit des Tages, wirklich zu kontemplieren. Mit Legitimation. Denn: Gelübde ist Gelübde!

Aus einer anfänglich als lästige Pflicht empfundenen Aufgabe wurde zunehmend meine ganz private Luxusangelegenheit, ein tägliches Date, das ich genoss und das mir lieb und immer lieber wurde.

Eines Tages, es war gegen Ende des ersten Monats, fuhr ich in der Mittagspause in die Kapelle meines Geburtskrankenhauses. Die Kapelle war an ein Kloster angeschlossen, manchmal huschten Nonnen vorbei. Doch an diesem Tag war ich ganz allein.

Und während ich so auf meiner Kirchenbank saß und die Kontemplation genoss, da fuhr es auf einmal in mich.
Die totale Liebe!
Es ist schwierig, diese mit Worten zu beschreiben, weil sie so unendlich groß war, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte.
Mein kläglicher Versuch einer Beschreibung lautet immer: Stelle dir deinen schönsten Orgasmus vor, multipliziere ihn mit einer Million und spüre dieses Gefühl in deinem Herzen, von wo aus es all dein Sein durchströmt.
Als mich dieses Gefühl mit all seinem Licht durchfuhr, da war mir klar: Gott ist da!
Ich brach in Tränen aus und dachte, mich auf der Stelle aufzulösen, so erfüllt, durchströmt und überwältigt war ich von dieser unendlichen Liebe!

Und mir war klar: Diese Erfahrung – jetzt und hier – die mache ich nicht nur für mich. Gott will mir etwas sagen. Er will mir sagen, dass ich sagen soll, dass es ihn gibt….

Ich habe lange nicht gewusst, WIE ich diesem Auftrag Ausdruck verleihen soll.
Irgendwann begann ich sogar, diesen Auftrag verdrängen zu wollen.

Bis Gott mir wieder begegnete, und ich mich in einer unvermittelten Nahtoderfahrung entscheiden musste, ob ich für immer in das ewige Licht gehe oder ob ich noch bleibe. Ich habe mich für’s Bleiben entschieden, wie man unschwer erkennt. Und das hat einen Grund.

Ich habe nämlich noch einen Auftrag…. 😉

LOVE

unterschrift-melanie_thin_small

 

 

 

 

PS: Nach Ablauf der zwei Monate habe ich geweint. Und noch ein bisschen verlängert. Als Bonusmaterial, für mich 😉

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6 Comments

    • Das freut mich sehr, dass dir der Bericht gefallen und dich bewegt hat, liebe Monika!
      Vielen Dank für dein Feedback!
      Alles Liebe und bis bald <3

  1. Liebe Melanie,
    herzlichen Dank für diesen wirklich sehr privaten Einblick in deinen Lebensweg! Es ist alles so “menschlich” und normal… und berührt deshalb tief im Herzen ♥
    Alles Liebe
    Martina

    • Vielen Dank, liebe Martina! Ich freue mich sehr, dass es dich berührt hat! <3
      Dir auch alles Liebe und bis bald
      Melanie

  2. Pingback: Als ich eine Burka trug: Oder: Im Schutze der Identitätslosigkeit | Melanie Kaltenbach

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