Wachkoma. Oder: Lebst du noch oder bist du schon tot?

Als ich studierte, besuchte ich als Ehrenamtlerin mehrmals pro Woche zwei Frauen auf der Langzeit-Intensivpflege-Station eines Pflegeheimes. Beide Frauen hatten die Diagnose “Appallisches Syndrom” – Wachkoma. Die eine lag seit zwei Jahren auf dieser Station, die andere seit elf Jahren. Beide bekamen so gut wie nie Besuch, außer von mir.

Dies ist keine schöne Geschichte, aber ich erzähle sie trotzdem, weil ich so viel von diesen beiden Frauen gelernt habe, weil es eine so unglaublich intensive Zeit war und weil ich glaube, dass es jetzt an der Zeit ist, uns dem Thema “Wachkoma” zuzuwenden, denn ich sehe unsere Gesellschaft zunehmend in eben diesem Zustand.

 

Zwischen Hierseits & Dortseits

Frau H. hatte einen Herzinfarkt gehabt, ihr Mann fand sie auf dem Küchenboden liegend. Sie war zu lange auf der anderen Seite gewesen, um nach der Reanimation wieder vollständig zurück zu kommen. Und genau so empfand ich sie: Mit anderthalb Beinen auf der anderen Seite, im Dortseits, wo auch immer das sein mochte. Sie war im ständigen Schlaf, wurde durch eine Magensonde ernährt und das einzige Lebenszeichen, das sie von sich gab, war das in einem bestimmten Rhythmus wieder kehrende Röcheln aus ihrem Luftröhrenschnitt. 

Sandra hatte Anorexie gehabt und war aufgrund ihrer Unterernährung vor zwei Jahren zusammengebrochen. Auch sie hatte dem Dortseits einen kurzen Besuch abgestattet. Zu kurz, um wirklich im Dauerschlaf zu verweilen, zu lang, um wieder ganz und gar im Hierseits anzukommen. Ach Gott, was erzähle ich hier …. Muss das sein? Ja, es muss!

Ich verstand damals nicht, dass diese beiden Frauen ein und dieselbe Diagnose hatten, wo sie doch so vollkommen unterschiedlich waren. Während Frau H. ständig mit geschlossenen Augen und regungslos in ihrem Bett lag, war Sandra in der Lage, über ihre Augen mit mir zu kommunizieren. Einmal trat ich versehentlich gegen die Halterung für ihre Sondennahrung, was ein kleines, helles Klingeln verursachte. Da war sie auf einmal so wach und ich sah die pure Freude in ihren Augen und mit ihrem klaren Blick befahl sie mir, das wieder und wieder zu tun, weil ihr das helle Klingeln so gefiel. 

Sandras Augen erzählten mir vieles, was zu sagen ihr Mund nicht mehr imstande war. Ich las in ihren Augen Freude, Neugierde, Angst, Trauer und Resignation. Um ihre Geschichten zu verstehen, versuchte ich damals sogar,  telepathisch mit ihr zu kommunizieren. Dazu musste ich mich sehr konzentrieren, was mir aber nicht wirklich gelang, weil ich spätestens nach vier Minuten durch das Röcheln von Frau H. wieder aus meiner Konzentration gerissen wurde…

 

Über alle bisherigen Grenzen hinaus

Diese beiden Frauen und die gemeinsame Zeit mit ihnen haben mich an meinen Rand gebracht, in mehrfacher Hinsicht. Zum ersten Mal in meinem Leben beschäftigte ich mich intensiv mit dem Thema Tod und Sterben. Ich sprach zum allerersten Mal ganz offen und schonungslos mit meiner Familie über das Thema, über meinen letzten Willen und verfasste eine Patientenverfügung. Ich wollte und will auf gar keinen Fall so enden, wie Frau H. und Sandra und ich wollte und will auch nicht, dass jemand aus meiner Familie so endet oder auch nicht endet. Das offene Besprechen von Tod und Sterben innerhalb meiner Familie empfanden wir zu unser aller Überraschung als unglaublich befreiend und berührend! Es hat uns einander näher gebracht.

Eine weitere Auswirkung war, dass ich das Leben viel intensiver genoss, als mir bewusst wurde, wie wertvoll es ist, da zu sein, wach zu sein, lebendig zu sein, frei zu sein, eine Wahl zu haben, entscheiden zu können, das Leben mit all meinen Sinnen in vollen Zügen und bewusst genießen zu können. Die vielen Möglichkeiten, die sich mir, als gesundem Menschen tagtäglich boten, wurden mir zum ersten Mal in meinem Leben voll und ganz bewusst und ich genoss alles, was ich Schönes erlebte, für die beiden mit! Ich glaube, ich habe nie zuvor in meinem Leben so intensiv gelebt, wie zu dieser Zeit. 

Und doch litt ich auch. Wegen Sandra, von der ich so sicher war, dass sie bei einer viel intensiveren Betreuung wieder voll ins Leben hätte zurück kommen können. Eine solche Betreuung wäre aber entsprechend kostspielig gewesen und über ihre Familie wusste ich nichts, es kam ja keiner mehr…

Aber die, die mich wirklich an den äußersten Rand meiner Grenzen brachte, war Frau H., die Dauerschläferin. Irgendwann erwischte ich mich dabei, dass ich mir ernsthaft Gedanken machte, wie ich Frau H. unauffällig ins Dortseits befördern und damit von ihrem Leiden erlösen könnte. Als ich immer öfter darüber nachdachte, war mir klar, dass eine Grenze erreicht war und ich mein Ehrenamt einstellen musste. Ich sprach mit der Verantwortlichen des Besuchsdienst und erzählte ihr von meinen Gedanken und auch, dass sie sich bitte darum kümmern möge, eine Supervision für die Ehrenamtler des Besuchsdiensts anzubieten. Die Sterbegleiter hatten das. Auf die hatte ich ohnehin schon eine Wut entwickelt, denn diese konnten ihre Schützlinge gehen lassen, wussten, dass diese erlöst waren. Meine Schützlinge hingegen vegetierten seit Jahren vor sich hin und es war keine Erlösung in Sicht.

 

Eine Gesellschaft im Wachkoma?

Dann war ich raus. Ich verabschiedete mich von Sandra und Frau H. und kam nie wieder. Das Ganze ist jetzt siebzehn Jahre her. Ich denke immer noch an die beiden. Ich weiß nicht, ob sie noch leben und wenn ja, wie es ihnen geht. Wann immer ich daran denke, dass sie möglicher Weise immer noch da liegen und mir bei diesem Gedanken kotzübel wird, atme ich ein, werde ich mir meines Vollbewusstseins bewusst, bin ich da, wo ich bin, bin ich wach und DANKBAR für dieses lebendige Leben!

Und ich denke an all die vielen Menschen, die immer unlebendiger werden. Die regungslos und wie ferngesteuert in ihre Smartphones schauen, anstatt einander in die Augen und im besten Falle in die Seele. Ich denke an das immer größer werdende Wachkoma in unserer Gesellschaft. So vieles, das uns eigentlich zutiefst berührend müsste und uns doch nicht mehr berührt. Wie sehr sind wir schon abgestumpft? Wie sehr sind wir unseres natürlichen Vollbewusstseins schon beraubt und entwickeln uns freiwillig immer mehr in Richtung Künstlicher Intelligenz?

So viel Hetze und Jagd nach Hype, nach Erfolg, nach Macht, nach Geld, nach Anerkennung. So viel Sehnsucht nach Lebendigsein und Erlösung von dem Zwang, etwas Besonderes sein zu müssen, um eine Existenzberechtigung zu haben in einer Welt des Dauerkonkurrenzkampfs. Und gleichzeitig so viel unnötige Hyperaktion, die jede Lebendigkeit und mögliche Erlösung im Keim erstickt. So viele Menschen, die meinen, ohne Unterlass busy zu sein, sei der Garant für Lebenserfolg und so viele Menschen, die anderen Menschen genau dies tagtäglich in kleinen, wirkungsvollen Dosen einflößen. So viel Lüge, so viel Image, das die wahre, unendlich schöne Natur des Menschen und des Lebens zu einer hässlichen Fratze verzerrt. So viel Opfermentalität in einer Welt voller Schöpferpotenzial.

 

Die nie tief geschlafen haben, werden am schnellsten wieder wach!

Aber es gibt ein paar, die offenbar nie wirklich tief geschlafen haben und tatsächlich wieder voll und ganz wach werden wollen. Hier bei mir auf der Insel zum Beispiel.

Menschen, die wirklich mutig sind. Die den Mut haben, sich in die Stille zu begeben, auch auf die Gefahr hin, dass sie dann ihrer eigenen inneren Stimme zuhören müssen, die ihnen zuweint, was da gerade so richtig, richtig falsch läuft, in diesem kleinen und doch einzigen Leben.

Menschen, die den Mut haben, sich von sich selbst enttäuschen zu lassen, um der inneren und ewigen Wahrheit willen.

Menschen, die den Mut haben, ihren Tränen freien Lauf zu lassen und ihrem Schmerz in Liebe und Würde zu begegnen.

Menschen, die wissen, dass es erst einmal wehtut, wenn man die Fesseln, die die Seele immer enger eingeschnürt haben, ablegt und dass die ersten Schritte in der Freiheit erst einmal mühsam und ungelenk sind, bevor sie immer leichter werden.

Wache Menschen, die sich an sich selbst und ihre Eigenmacht glauben, weil sie wissen, dass dieses Leben hier endlich ist und in vollen Zügen und mit allen Sinnen und Emotionen gelebt werden soll und darf!

Menschen, die sich die Erlaubnis erteilen, genau das zu tun: Leben!

Vollbewusstsein – die stärkste Kraft in der Neuen Zeit

Ich halte ein klares und starkes SelbstBewusstsein und damit einhergehend die Rückverbindung an die eigene Höchste Instanz, den Heiligen Gral der eigenen Weisheit, für die stärkste Kraft in der aktuellen und Neuen Zeit!

Weil ein vollbewusster Mensch, der mit seiner eigenen Höchsten Instanz in Kontakt ist, niemandem mehr glauben wird, als sich selbst. Weil ein solcher Mensch in der Lage ist, jede noch so schön verpackte Lüge als solche zu entlarven!

Weil bei einem solchen Menschen kein Guru, keine Ideologie und keine noch so tolle Super-Methode jemals wieder eine Chance haben. 

Weil ein solcher Mensch mit sich in Frieden ist und keine Kriege mehr gegen sich selbst führen wird.

Weil ein solcher Mensch frei ist. Und lebendig!

Auf die Freiheit und das Leben!

 

Melanie Kaltenbach

PS: Wenn auch für dich die Zeit des Erwachens gekommen ist und du von mir und der Insel auf sanfte Weise wachgeküsst werden möchtest, dann schreibe mir an fuerdich@melanie-kaltenbach.de

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