10 Jahre Gomera. Oder: Das erste Mal

Heute vor zehn Jahren zog ich nach La Gomera. Mit einem Koffer und vier Umzugskartons. Mehr besaß ich nicht mehr, außer noch ein paar Akten und einer kleinen Kiste Erinnerungstücke, die ich im Keller meiner Mutter einlagerte. Wie es dazu kam, kannst du hier und hier nachlesen.

Als ich im September 2007 die Entscheidung fällte, mein Leben in Deutschland ganz aufzugeben und nach La Gomera zu ziehen, fühlte sich das ganz spontan an. So, als wenn in meinem Bewusstsein einfach ein Schalter umgelegt worden wäre. Die Entscheidung war zudem so kraftvoll, dass sie keinerlei Raum für Zweifel oder Alternativen ließ.

Der guten Ordnung halber sei aber auf jeden Fall zu erwähnen,, dass diese Entscheidung – so leicht sie mir letztlich fiel – gute dreizehn Jahre lang in mir gereift ist. Dreizehn wichtige Jahre, in denen ich ein paar ernsthafte Krisen zu überstehen hatte, aus denen ich anschließend umso stärker hervor ging. 

Immer wieder denke ich an die Umstände, die mich überhaupt nach La Gomera geführt haben. Die Story, wie ich zum ersten Mal hier gelandet bin, ist so abgefahren, dass ich sie heute – zur Feier des Tages – erzählen möchte. 

 

Es war im Sommer 1994, an einem Mittwoch.  Ich ging in das Reisebüro und sagte zum dortigen Mitarbeiter meines Vertrauens: “Herr Gudde, ich habe ab Samstag Urlaub und ich möchte irgendwo hin fliegen, wo auf jeden Fall die Sonne scheint!”. Herr Gudde antwortete: “Oh, das ist aber kurzfristig!” und nahm seinen Aktenordner mit den Last-Minute-Reisen zur Hand. Im selben Moment kam aus dem Faxgerät, das auf der Anrichte hinter Herrn Gudde stand, ein Blatt Papier. Herr Gudde drehte sich um, nahm es zur Hand und warf einen Blick auf das Fax. “Oh, so ein Zufall! Ganz frische Last-Minute-Flüge nach Faro, Ibiza und Teneriffa.”

Portugal war mir allein aufgrund der Sprache  fremd, Ibiza kam nicht infrage, weil ich mal gehört hatte, dass man dort ohne Auto aufgeschmissen ist. Da ich zu dieser Zeit unter einer Autofahrphobie litt, kam das also auch nicht infrage. Blieb noch Teneriffa und ja: Da ich im Frühjahr erst auf Cuba gewesen war, konnte ich ein bisschen Spanisch. Und auf die Kanaren wollte ich ohnehin schon immer mal. Also fiel die Entscheidung auf Teneriffa. 

“Und was ist mit einer Unterkunft?”, wollte ich von Herrn Gudde wissen.

“Ach, die brauchen sie gar nicht. Im Sommer ist auf den Kanaren Nebensaison, da finden Sie immer was vor Ort, das ist da üblich. Am Flughafen setzen sich sich einfach in den Bus und fahren nach Puerto de La Cruz. Das ist schön grün, das wird Ihnen gefallen!” So ist das mit Mitarbeitern des Vertrauens, sie kennen einen und wissen, was einem gefällt.

Ein Freund, ein Freibad und ein Fehlstart

Und so buchte ich also meinen Flug nach Teneriffa. Sonntags morgens um 06.00 Uhr sollte es ab Brüssel losgehen. Moment mal! Brüssel!? Ok, das waren von Aachen aus etwa 150 Kilometer, also doppelt so weit, wie Düsseldorf oder Köln. Egal, es würde sich schon jemand finden, der mich fährt.

So war es auch. Kurzerhand bot sich mein Freund Stefan an, mich in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach Brüssel zu fahren. 

Ich mach’s kurz: Samstag nachmittag kam es im Freibad (ja, ich hatte schon damals die Ruhe weg) zu einem handfesten Streit zwischen Stefan und mir, der damit endete, dass ich sagte: “….und nach Brüssel brauchst du mich auch nicht fahren! Tschüss!”

Wutentbrannt spazierte ich nach Hause, meine Wäsche, die ich in meinen Urlaub mitnehmen wollte, war noch im Wäschetrockner, der Koffer lange nicht gepackt. Ich bin so, ich packe immer erst kurz vor Abflug. 

Vor lauter Wut genehmigte ich mir erst mal einen Mojito, schließlich hatte ich noch richtig guten Rum aus Cuba im Kühlschrank.

Kein Anschluss unter dieser Nummer: Das Schicksal nimmt an Fahrt auf

Und dann begann ich zu telefonieren. Mama, Oma, Tante, Onkel, beste Freundin I, beste Freundin II, nicht so beste Freundin…. keiner war zu erreichen! Handy gab es damals noch nicht. Also rief ich auch Papa an. Und siehe da: Papa war tatsächlich zu Hause, hatte sich aber leider auch schon den ein oder anderen Mojito gegönnt, weil er an diesem Tag etwas zu feiern hatte. Es war wie verhext, wobei ich im Nachhinein sagen muss, dass wir das “wie” in diesem Satz streichen können. 

Ich rief bei der Deutschen Bahn an. Es war mittlerweile etwa 18.00 Uhr, meine Wäsche immer noch im Keller. “Wann geht denn morgen ihr erster Zug nach Brüssel?”.

Antwort: Um 06.00 Uhr.

Ich: Shit! Und der letzte Zug heute Abend?

Antwort: Um 20.00 Uhr.

Ich glaube, ich habe noch nie so schnell meinen Koffer und alle notwendigen Unterlagen zusammen gepackt, wie in dieser Situation. Und boah, war ich sauer auf Stefan, schließlich hatte dieser Blödmann mir diesen ganzen Stress hier eingebrockt! Es ist in solchen Situationen so praktisch, einen Schuldigen zur Hand zu haben, oder!?

Um 19.30 Uhr rief ich ein Taxi und ließ mich zum Bahnhof bringen, kaufte mir schnell meine Fahrkarte nach Brüssel und fand das alles grad echt scheiße! Den Start in meinen wohl verdienten Sommerurlaub hatte ich mir echt anders vorgestellt! Und auf keinen Fall SO!

Ich ging auf das Bahngleis und während ich auf meinen Zug nach Brüssel wartete, fiel mir plötzlich ein, dass ich mein Lieblingskleid, also: MEIN ABSOLUTES LIEBLINGSKLEID!!! vergessen hatte. 

Meine Wut auf Stefan explodierte und wurde zu einem lodernden Osterfeuer!

Auf einmal ging ein Mann vor mir vorbei. Von rechts nach links. Ich habe dieses Bild in mir eingebrannt. Forever moment. 

Er war das genaue Gegenteil von mir. Nicht, weil er ein Mann war, sondern weil sein Gesichtsausdruck und überhaupt sein gesamter Habitus nichts anderes aussagte als: Boah, ist das Leben schön und easy! Ich bin happy!!

So viel Glückseligkeit bei einem anderen Menschen zu sehen, war für mich  in meinem Zustand kaum zu ertragen.

Der Zug kam, ich stieg ein und fuhr Richtung Brüssel. In Gedanken beschimpfte ich Stefan in einem nicht enden wollenden Monolog, der jeden, der sich für Tourette interessiert, total fasziniert hätte! 

Um 23.00 Uhr sollte ich am Flughafen ankommen, um 06.00 Uhr ging mein Flieger. Nicht nur, dass Stefan mir den Samstag Abend total verdorben und mir endlos Stress bereitet hatte und außerdem schuld war, dass ich MEIN ABSOLUTES LIEBLINGSKLEID (!!!) vergessen hatte, musste ich nun auch noch sieben lange Stunden mutterseelenallein auf diesem Flughafen totschlagen! Mein inneres Osterfeuer loderte vor sich hin.

Zum Kotzen glücklich: Mein Engel des Schicksals

Am Brüsseler Hauptbahnhof wollte ich in den Zug zum Flughafen umsteigen. Als ich gerade aus dem Zug stieg,  saß vor mir auf einer Bank der Typ vom Aachener Hauptbahnhof. Immer noch von Glückseligkeit durchtränkt. Er lächelte mir zu und wünschte mir einen schönen Urlaub. So eine Unverschämtheit! 

Und dann stieg er auch noch mit mir in den Zug zum Flughafen!

Und dann drängte er mir auch noch ein Gespräch auf!

Er (immer noch zum Kotzen gut gelaunt): Na? Wo geht’s denn hin?”.

Ich (nicht so freundlich): Teneriffa!

Er (begeistert): Oh cool, da fliege ich auch hin!

Ich (gelangweilt): Aha.

Er (penetrant interessiert): Und wann geht dein Flieger?

Ich (so kurz angebunden wie möglich): Um sechs.

Er (begeistert): Oh cool, meiner geht um zwanzig nach sechs. Das ist ja irre! 

Ich: Allerdings.

Er: Na, dann können wir ja zusammen die Nacht auf dem Flughafen verbringen! Ich bin hier öfter, ich fliege dieses Jahr zum dritten Mal von hier aus, ich kenn’ mich hier aus.

Obwohl ich annahm, dass er mich vielleicht abbaggern wollte, was ich wenig attraktiv fand, weil ich diesen Kerl mit seinen Dreadlocks und dem Hippielook einfach nicht sonderlich attraktiv fand, sah ich auch den pragmatischen Vorteil an dieser Idee: Ich musste die sieben Stunden nicht alleine verbringen.  

“Ja, gute Idee!”, sagte ich und so verbrachte ich die folgenden sieben Stunden mit einem mir bis dahin wildfremden Mann am Flughafen in Brüssel.

Brüssel, Proviant und Lindenstraße

Rainer! Rainer erzählte, das er nun schon zum dreizehnten Mal nach La Gomera fliegen würde. Dreizehn!? Gomera!?

Das kannte ich bis dahin nur aus der Lindenstraße, weil Tanja und Franz Schildknecht nach dem Tod von Henny und Maike immer davon erzählten, dass sie zur Olivenernte nach La Gomeeera fuhren und dabei immer so betont lässig und irgendwie hypnotisiert wirkten, wenn sie von La Gomeeera sprachen, was mir schon damals tierisch auf die Nerven ging!
Aber das, was Rainer erzählte, das klang nett. Coole Leute, Strand, Sonnenuntergang, schöne Natur (ob wohl Herr Gudde da heimlich was eingefädelt hatte?) und so weiter.
Und: Rainer war traurig. Denn beim letzten Mal war er mit Bine dort gewesen, und Bin war damals noch seine Freundin und jetzt seine Ex und deswegen sei ihm das Herz so schwer.
Ab diesem Moment war klar, dass Rainer mich nicht abbaggern wollte und ich konnte mich entspannen.
Nach etwa drei Stunden packten wir unseren Proviant aus, teilten unsere Butterbrote und unsere Süßigkeiten miteinander und Rainer erzählte von La Gomera und erzählte und erzählte und erzählte. All diese verrückten Geschichten. Und nicht ein einziges Mal erwähnte er das Wort „Olivenernte“.
Irgendwann wurden unsere Flüge aufgerufen. Meiner ging ja zwanzig Minuten früher als der von Rainer. Wir gingen gemeinsam zum Gate und auf einmal sagte Rainer: Melli, wenn du magst, dann komm doch einfach mit nach La Gomera. Ich bin mir sicher, dass es dir da gefallen wird. Gomera ist viel schöner, als Teneriffa.
Ich: Und wie wollen wir das machen? Wir haben ja unterschiedliche Flieger.
Rainer: Du, überhaupt kein Problem! Überhaupt schien für Rainer nichts ein Problem darzustellen! Wenn du deinen Koffer hast, gehst du aus dem Flughafengebäude raus, rechts lang und da steht dann eine kleine grüne Holzbank. Da setzt du dich hin und wenn ich gelandet bin, komme ich dich dort abholen. Du fliegst ja jetzt viereinhalb Stunden alleine, da kannst du dir das in Ruhe überlegen. Und wenn du da sitzt, dann freue ich mich. Und wenn nicht, wünsche  ich dir einen tollen Urlaub auf Teneriffa.

Und mit diesen Worten checkte ich ein und ging Rainer weiter zu dem Gate, an dem sein Flieger stand.

In the Air und ein Regenbogen über den Wolken

Das Flugzeug war irre groß. 4-6-4-Sitzreihen. Zu meiner Verwunderung war der Flieger höchstens zu einem Drittel gefüllt. Ich habe erst viele Jahre später begriffen, dass es sich um einen Jungfernflug handelte. Ausgerechnet.
Ich hatte die ganze Viererreihe für mich allein und breitete mich gemütlich aus.
Zu Hause hatte ich mir noch Kassetten für meinen Walkman aufgenommen und hörte nun meine Lieblingsmusik und dachte über all das nach, was Rainer mir über La Gomera erzählt hatte. Als aus meinen Kopfhörern gerade Air von Johann Sebastian Bach erklang, sah ich über den Wolken einen Regenbogen… Ich deutete dies als Zeichen einer wundervollen Zeit, die mich erwarten würde.

Auf Teneriffa angekommen wartete ich auf meinen Koffer und suchte die kleine grüne Bank, von der Rainer erzählt hatte. Ich fand sie sofort und setzte mich hin. Vor mir war gleich die Bushaltestelle und es stand der Bus nach Puerto de la Cruz zur Abfahrt bereit. In mir erklangen die Worte von Herrn Gudde: „Am Flughafen nehmen sie den Bus nach Puerto de La Cruz, da ist es schön grün, das wird ihnen gefallen.“
Ich überlegte einen Moment, ob ich eigentlich verrückt geworden war, auf einen wildfremden Mann zu warten und auf eine wildfremde Miniinsel zu fahren und spürte, wie meine Beine zuckten, so, als wollten sie aufstehen und zum Bus gehen.
Und dann schien es, als drückte etwas ganz sanft meine Beine nach unten. Keine Chane, aufzustehen. Es war eine Sache von einer Sekunde oder weniger. Ich blieb sitzen. Der Bus nach Puerto de la Cruz fuhr ohne mich los. 
Fünfzehn Minuten später kam Rainer um die Ecke, so, wie ich ihn kannte: Fröhlich lächelnd und zum Kotzen gut gelaunt!
Wir nahmen den Bus nach Los Cristianos. Gott, war das hässlich dort! Hässliche Häuser, viel zu viele Menschen, wie die Sardinen am Strand, der Ballermann vor der westafrikanischen Küste. Rainer lächelte: Das ist alles zum abgewöhnen, Melli! Genieß es, in den nächsten vierzehn Tagen wirst du nichts Hässliches mehr sehen!

Mit dem Boot in eine andere Welt

Dann nahmen wir die Fähre und es folgten die bis dahin schönsten und verrücktesten vierzehn Tage meines Lebens.
Wir wohnten im Haus von Werner, einem alten Freund von Rainer, der zu dieser Zeit aber gar nicht da war. Werner musste auch einer dieser unglaublich coolen Menschen sein, von denen mir Rainer am Flughaften erzählt hatte, denn Werner ließ während seiner Abwesenheit  alle möglichen Leute in seinem Haus wohnen. Einfach weil Werner offenbar ein verdammt netter Mensch war. Den ich übrigens erst 14 Jahre nach später kennen lernte. Und für die vielen Leute, die Werner immer bei sich wohnen ließ, war auch alles Mögliche vorhanden. Matratzen, Handtücher, Bettwäsche, Schlafsäcke – Alles frisch gewaschen. Einfach so.
Im Haus wohnten bereits Andreas, ein Aussteiger, von dem ich später erfuhr, dass er mal mit dem Fahrrad durch die Wüste gefahren war und bei seiner Rückkehr nach Deutschland sofort im Knast landen würde, wobei ich die Gründe dafür nie erfuhr. Und Karl-Heinz. Was Karl-Heinz in seinem vorherigen Leben gemacht hatte, weiß ich nicht mehr, aber in diesen vierzehn Tagen auf La Gomera war Karl-Heinz unsere Einkaufs- und Spülfee. Andreas war unser Koch, Rainer der Putzmann, der das Haus von Werner auf Vordermann brachte. Und ich, ich war einfach nur Melanie und kam mir ein bisschen vor, wie eine Königin.
Das Haus hatte eine große Dachterasse und Rainer meinte, das sei doch ein schöner Platz für mich zum schlafen, dort könnte ich jede Nacht im Silberschein der Sterne baden. Er selbst schlief unten im Haus und kam jeden Morgen zu mir hoch, um mir meinen ersten Kaffee zu bringen. Rainer zeigte mir die schönsten Strände und die schönsten Täler und stellte mich allen möglichen Leuten vor. Und die waren alle so anders, als die, die ich in Deutschland kannte. Sie waren so frei, sie lebten die Freiheit, nach der ich mich insgeheim so sehr sehnte und die zu leben ich mich aber damals noch nicht traute. Viertausend Kilometer von meiner Heimat entfernt fühlte ich mich im Alter von 24 Jahren zum ersten Mal zu Hause angekommen. An einem winzigen Ort, im großen weiten Atlantik.

Du hast mein Herz geklaut!

Als ich im Sommer 1994 nach zwei Wochen Urlaub wieder nach Deutschland zurück flog, ist ein Teil von mir hier geblieben. Und mit jedem Urlaub blieb wieder ein Stück mehr von mir hier. Dreizehn Jahre lang. 

Als ich heute vor 10 Jahren hierher zog, dachte ich, dass meine Liebe für diese Insel schon so groß sei. Aber das war sie nicht. Mit jedem Morgen, den ich auf ihr erwache, mit jedem Blick in den Sternenhimmel, mit jeder Morgenkontemplation in  meiner kleinen Kirche am Meer, mit jedem Blick auf den Berg, mit jeder Rückkehr von einer Reise und mit jedem Herzschlag wird meine Liebe für diesen kleinen Flecken Erde mehr.

Und wie reich hat sie mich beschenkt und tut es immerfort.

Te amo, Gomera. Ich habe dir mein Leben gegeben und du mir meines. Gracias!
Melanie

 

PS: Und dir, Stefan, danke ich auch….!

Anne. Oder: Wie ein seltsames Buch mein Leben für immer veränderte

In den letzten Tagen werde ich oft gefragt, wie ich das damals gemacht habe, als ich nach La Gomera gegangen bin. Ganz ehrlich? Letztlich war es nur ein Umzug. Von Deutschland nach La Gomera. Mehr nicht. 
Aber fangen wir von vorne an, denn die Vorgeschichte, die ist durchaus spannend….

September 2007:

Geschafft! Mein spätes Studium  – ich habe erst im Alter von 30 Jahren begonnen, zu studieren – neigt sich dem Ende zu. Alle Scheine sind gemacht, die Prüfungen sind erfolgreich abgelegt, es fehlt nur noch die Magisterarbeit.

Seit zwei Jahren bin ich zudem erfolgreich als freiberuflicher Trainer, Coach und Consultant für Changemanagement in internationalen Konzernen tätig. Mit diesen Tätigkeiten haben sich für mich Träume erfüllt, die ich zu Beginn meines Studiums nicht zu träumen gewagt hätte. Ganz zu schweigen von meinen Honoraren!
Meine Arbeit genießt einen außerordentlich guten Ruf, meine Expertise ist gefragt, mir werden Angebote für Festanstellungen unterbreitet, die ich aber ablehne. Ich möchte meine Freiheit als Freelancer weiter genießen.


Ähm… Freiheit? 

Welche Freiheit? Meine Woche hat siebzig Stunden. Mindestens. Am Wochenende bin ich zu sowas wie einem Sozialleben nur in absoluten Ausnahmefällen mit absoluten Ausnahmefreunden fähig, und zwar mit solchen, mit denen ich maximal schweigen kann.

Außerdem ist mir der Samstag Abend heilig! Da pflege ich mein Ritual. Ich lasse mir ein heißes Bad ein, stelle Kerzen auf den Badewannenrand, genieße einen edlen Rotwein und höre dazu die Gitarrenklänge von den Dos Guitarras. Und träume mich fast viertausend Kilometer weit weg. Nach La Gomera…..


In meiner kleinen Lieblingsbuchhandlung, an einem Tag mitten in der Woche: 

Alle Welt redet von Hape Kerkelings neuem Buch „Ich bin dann mal weg“. Da hinten in der Ecke steht es. Ich nehme es zur Hand und lese quer. Ich mag Hape, aber dieser Stil gefällt mir überhaupt nicht. Ich stelle das Buch wieder zurück und während ich dies tue, springt ein dahinter stehendes Buch hoch und auf mich zu. Zumindest habe ich es so in Erinnerung. Dass es hoch und auf mich zusprang. „Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann“ von Anne Donath. Ich lese quer. Ein seltsames Buch, wirklich sehr, sehr seltsam. Ich kaufe es und gehe nach Hause. Und beginne zu lesen….

Über wichtige Menschen, die den ganzen Tag in Besprechungsräumen sitzen und Autos, teure Kleidung und anderen Luxus anhäufen und die sich das ganze Jahr über auf ihre siebenundzwanzig Tage Jahresurlaub freuen, um dann dort erst mal richtig krank zu werden von all dem Stress, den sie hatten. Ich lese von Anne, wie sie auf ihrer Wiese liegt und den Wolken beim Wandern zuschaut und das Leben genießt.


Me, myself and I?

In der Beschreibung über die wichtigen Leute mit ihrem teuren Material erkenne ich mich selbst wieder. Mir wird bewusst, wie wenig Seele in meinem Leben ist, obwohl ich meine Arbeit wirklich liebe. Aber es ist einfach quantitativ viel zu viel und so derart arbeits- und energieraubend, dass ich mich vollkommen darin verloren habe.
Wo ist sie geblieben, die reine Freude am Leben? Wenn der einzige Lichtblick der Woche darin besteht, samstags abends in der Badewanne zu liegen und von La Gomera zu träumen?

In diesem Moment springt in meinem Kopf ein Schalter um und ich weiß, mit ganzem Herzen, mit all meinem Sein und in all meinen Zellen:


Eines Tages, Baby!

Nein! Ich will nicht eines Tages sterben und mir die Frage stellen müssen: Melanie, warum hast du es nicht wenigstens versucht!? Versucht, auf La Gomera – der Insel deines Herzens, die du so sehr liebst – zu leben? Wenigstens versuchen hättest du es können! Dann hättest du gewusst, ob dort zu leben wirklich so schön ist, wie du es dir in deinen Träumen immer vorstellst.“

Dreizehn Jahre ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass ich mich in diesen kleinen Flecken Erde verliebt habe. Damals konnte ich weder die Sprache, noch kannte ich Land und Leute. Und doch fühlte ich mich mit meinen damals 24 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben nicht wie ein Außerirdischer auf dem falschen Planeten. Wie oft hatte ich als Kind abends draußen gesessen und mit dem Fernglas in die Sterne geschaut und gedacht „Irgendwo da oben muss doch mein Zuhause sein!? Hier unten bin ich falsch gelandet! Ganz sicher!“ Und dann lande ich durch eine Aneinanderreihung seltsamer Zufälle (das ist noch mal eine Geschichte für sich!) auf dieser winzigen Insel am Ende der Welt und fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben zu Hause!?

Schon damals überlegte ich, einfach zu bleiben und nicht wieder nach Deutschland zurück zu fliegen. Doch die Angst war zu groß. Und außerdem hatte ich ja mein Leben in Deutschland fest eingerichtet und auch familiäre und dienstliche Verpflichtungen… Es ist klar, wo ich fortan 99 % meiner Urlaube verbracht habe. Und mit jedem Urlaub wurde der Wunsch, für immer hier zu leben, größer und tiefer.

Nein, ich wollte nicht sterben, ohne es nicht wenigstens versucht zu haben!
Am nächsten Tag rief ich meine Schwester an, um ihr meine Entscheidung mitzuteilen. „Endlich!“, sagte meine Schwester. „Damit haben wir schon lange gerechnet“. Ach, echt!? Interessant.


“Komm her, mein Mädchen…”

So war das mit meiner Entscheidung, nach La Gomera zu gehen. Sie ist lange gereift, und als sie reif genug war, ist sie – einem Apfel gleich – beinahe wie von selbst vom Baume gefallen. In genau diesem Moment habe ich den Apfel gepflückt und alles für meinen Umzug in die Wege geleitet. Natürlich hatte ich vom Zeitpunkt meiner Entscheidung bis zu meinem tatsächlichen Umzug unzählige Momente des Zweifels und viele, tiefgreifende Ängste. Und auch die ein oder andere harte Prüfung des Schicksals. Doch wann immer ich die Frage stellte: „War meine Entscheidung wirklich richtig?“ erklang aus meinem Herzen ein großes, deutliches JA!

Einmal, als der Zweifel ganz besonders groß war, saß ich an meinem schönen antiken Wohnzimmertisch und versuchte, mich in Gedanken und mit dem Herzen mit La Gomera zu verbinden. Ich fragte sie: „Soll ich wirklich für immer zu dir kommen?“. Und ich hörte sie antworten: „Komm her, mein Mädchen, ich habe noch etwas sehr, sehr Schönes für dich!“ Ich sagte: „Aber was willst du denn noch Schönes für mich haben!? Du hast ich schon so oft so glücklich gemacht mit all deiner Schönheit und all deinem Frieden! Mehr geht nicht!“ – „Komm her, mein Mädchen, ich habe noch etwas sehr, sehr Schönes für dich….!“

Während ich diese Geschichte in Ruhe aufschreibe, ist das Schöne, das Gomera noch für mich bereit hielt, nicht bei mir. Aber gleich, so in einer Stunde, da kommen mein Mann und meine beiden Töchter vom Strand nach Hause….

Möge dich diese Geschichte inspirieren, der Stimme deines Herzens zu lauschen und ihr zu vertrauen.
Möge sie dich ermutigen, nach deiner Lebensvision Ausschau zu halten.
Möge sie dir die Geduld geben, auf die notwendige Reife einer vielleicht anstehenden Entscheidung zu warten.
Möge sie dir die Sicherheit geben, dass die Liebe immer einen Weg findet.

Wenn du selbst gerade an einem Punkt in deinem Leben stehst, wo es um tiefgreifende Veränderungen geht und du Unterstützung brauchst, dann melde dich gerne bei mir!

Wenn dir meine Geschichte gefallen hat, dann freue mich mich sehr über ein Feedback oder wenn du sie mit jemandem teilst, für den sie von Bedeutung sein könnte. Es sind gerade so viele Menschen dabei, aufzubrechen. Im doppelten Wortsinn.

 

Alles Liebe!

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PS: Der rechte der beiden Dos Guitarras, Ulysses, war letztes Jahr einer der beiden Gitarristen, die auf unserer Hochzeit auf der Tina, einem Ausflugsboot, gespielt haben. Rosamunde Pilcher würde vor Neid erblassen. Zu recht, wie ich finde!  😉