Sicherheit. Oder: Diese eine Sache!

Bereits im Studium hatte ich meine ersten Trainerjobs. Offiziell hieß das Thema, um das es ging, “Bewerbertraining”, bei dem die technischen Auszubildenden meines Auftraggebers – ein internationaler Großkonzern mit langer Tradition – nach Ausbildungsabschluss dazu ermuntert und angeleitet werden sollten, sich extern zu bewerben, da man ihnen langfristig keine Perspektive auf eine unbefristete Festanstellung geben konnte. Oder wollte.

Die Trainings dauerten jeweils drei Tage und erst heute ist mir klar, dass es mir schon damals darum ging, den Menschen ein Bewusstsein für ihr wahres Potenzial in Verbindung mit ihren tatsächlichen Wünschen für ein erfülltes Leben zu vermitteln.

Aber sicher doch!

Ich führte unzählige dieser Bewerbertrainings durch; eines ist mir bis heute ganz besonders in Erinnerung geblieben. Zu Beginn brachten die Teilnehmer – wie in jedem Training – ihre Ängste und Bedenken zur Sprache. In “ihrem” Traditionsunternehmen, für das sie sich einst entschieden hatten, da hatten ja auch schon die Mama, der Papa, der Opa, Onkel Heinz und Tante Hilde gearbeitet. Da kümmerte man sich, da zählte man als Mitarbeiter was, da war man eine große Familie, da war man sicher, vom Anfang bis zur Rente.

Das Wort “sicher” war das meist gesagte in diesem Raum und hing beinahe wie ein Damoklesschwert über uns. Auf einmal hatte ich einen Geistesblitz!

Ich teilte die Gruppe in zwei kleine Gruppen auf und startete einen Wettbewerb. Jede Gruppe sollte sich so viele Dinge, wie nur möglich überlegen, die im Leben wirklich sicher sind und diejenige Gruppe, die am Ende die meisten Dinge gesammelt hatte, hätte gewonnen!

Das Spiel um die Sicherheit

Freudig (Menschen spielen gern) setzten sich die jungen Menschen in ihren zwei Gruppen zusammen und diskutierten, während ich – scheinbar mit etwas anderem beschäftigt – vorne am Tisch saß und aufmerksam den Gesprächen lauschte.

“Mein Auto!”
“Du Depp, dein Auto ist irgendwann Schrott!”
“Stimmt…”

“Die Liebe meiner Omi!”
“….ääh….wie alt ist deine Omi…?”
“Mist. Stimmt.”

“Mein Hund!”
“Mein Körper!”
“Meine Wohnung!”
“Meine Freundin!”
“Meine Arbeitskollegen.”
“Mein Augenlicht”.
“Mein Leben…..”

Eine vermeintlich sichere Sache nach der anderen landete auf dem Tisch, um sich dann in Luft aufzulösen.

Die Stimmung in beiden Gruppen veränderte sich im Verlauf der Gespräche, wurde immer weniger euphorisch, wurde ernst und doch gleichzeitig sanft und entspannt.

Der Hauptgewinn

Nach Ablauf der Zeit kamen die Sprecher beider Gruppen nach vorne. Jeder der beiden hatte eine einzige Karte in der Hand, auf der stand:

Der Tod.

“Das ist das einzige, das wir gefunden haben, das wirklich sicher ist im Leben”, sagten die Sprecher leise, aber mit vollkommener Klarheit.

Ich war sprachlos über dieses “Ergebnis”, diese Einsicht und innerlich verneigte ich mich ganz, ganz tief vor diesen wunderbaren jungen Menschen.

Auch, wenn ich nicht weiß, welchen Weg sie anschließend gegangen sind, ob sie sich tatsächlich extern beworben haben, ob sie sich vielleicht später noch mal für einen ganz anderen Beruf entschieden haben, eines weiß ich ganz genau: Das Learning, das diese jungen Menschen aus dieser Aufgabe für sich gewonnen haben, werden sie niemals wieder vergessen. Vielleicht war es für den ein oder anderen sogar ein Wendepunkt in seinem Leben, der ihm eine große Tür in den unendlichen Raum der Möglichkeiten eröffnet hat. Jetzt, da so sicher war, dass nichts im Leben sicher ist, außer dieser einen Sache.

Wie viele Dinge findest du, die in deinem Leben absolut sicher sind?
Was steht auf deiner letzten Karte?

Melanie Kaltenbach

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