Phoenix. Oder: Der Tag, an dem meine Großmütter und ich zu Schwestern wurden

Heute Nacht jährt es sich zum vierten Mal, dass das große Feuer in das Tal des Großen Königs kam….

Es ist das 09/11-Phänomen. Man erinnert sich an jedes Detail. Nie werde ich den Moment vergessen, als wir am Strand waren und plötzlich die Rauchschwaden aus Richtung El Cercado sahen. Sie sollten der Beginn eines der verheerendsten Brände sein, die La Gomera je erlebt hat. Ich weiß, welcher Wochentag war, welche Uhrzeit, wer mit uns am Strand war und was wir gesprochen haben.

Hier ein sehr bewegendes Video über das, was ich jetzt beschreibe.


Vom Glück im Unglück. Oder so….

Damals wohnten wir noch in La Laja, im Barranco der Hauptstadt San Sebastian. Im Zuge des Wochen dauernden Feuers hätte es beinahe auch unser Haus erwischt. In letzter Sekunde jedoch drehte der Wind und das Feuer trieb das wunderschöne Benchijigua-Tal hinunter. Glück gehabt. Glück gehabt? Es gab bei diesem Feuer keine Gewinner.

Wir waren ein paar Tage im Valle Gran Rey in Urlaub. Freitags kam mein Mann erst sehr spät aus San Sebastian. Er musste wider Erwarten über die Nordroute fahren, man hatte die Südroute wegen eines neuen Feuers gesperrt. Samstag Abend wurde das Obertal evakuiert. Mein Mann und ich überlegten, was wir machen würden, wenn das Feuer tatsächlich bis ins Untertal  käme. Unsere beiden Mädchen waren gerade mal 1,5 Jahre alt. Wir überlegten, an welcher Stelle des Tals wir im Falle des Falles ins Meer gehen und ob wir die Tragerucksäcke mit unseren Mäusen auf der Brust oder auf dem Rücken tragen sollten. Wir entschieden uns für vorne, um kontrollieren zu können, ob die Köpfchen über Wasser sind….


Von Helden und der Perversität der Ambivalenz 

Drei Tage lang flogen die Wasserlöschflugzeuge von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ganz nah über unseren Köpfen hinweg, um im Hafenbecken aufzutanken. Ich habe seitdem ein neues Heldenbild: Piloten von Wasserlöschflugzeugen! Und überhaupt alle, die Feuer bekämpfen. Dennoch: dieser ohrenbetäubende Flugzeuglärm in Dauerschleife war so unerträglich, dass man abends nach Sonnenuntergang beinahe froh war, wenn es endlich wieder still wurde. In diesen Momenten nach Sonnenuntergang, wenn die Löschflugzeuge ihren Tagesdienst einstellten und es plötzlich still wurde, lernte ich, was es heißt, mit der Perversion der Ambivalenz konfrontiert zu sein. Einerseits war ich so dankbar für die vermeintliche Ruhe und war mir doch andererseits voll bewusst, dass oben in den Bergen das Feuer weiter wütete und meine Insel auffraß.

In diesen drei Tagen, in denen die Löschflugzeuge und das Feuer, das sie bekämpften, den gesamten Raum unseres Seins einnahmen, habe ich mich meinen verstorbenen Großmüttern auf eine nie dagewesene Weise nahe gefühlt. Ich habe verstanden, warum diese beiden Frauen nie mit dem Flugzeug in den Urlaub geflogen waren. Sie, die so viele Fliegerangriffe überlebt hatten, hätten das Geräusch eines Flugzeuges nicht ertragen.


Von der Diashow eines Albtraums mit Happy End

An die Nacht, in der das Feuer letztlich das Tal herunter raste, erinnere ich mich nur in Bildern. Kein Film. Einzelne, aufeinander folgende Bilder. Der Wind nimmt an Fahrt auf. Die Blätter der Palme vor unserem Balkon senken sich immer tiefer. Ich ahne Schlimmes. Eine meiner Töchter ist unruhig. Mein Mann ist bei ihr im Zimmer, um sie in den Schlaf zu kuscheln. Auch ich bin unruhig und kann nicht einschlafen. Ich gehe auf die Terrasse. Ich beobachte die Palme im immer stärker werdenden Wind. Ich sehe einen Mann Richtung Hafen laufen. Dann einen Radfahrer, der in einem Affenzahn ebenfalls in Richtung Hafen fährt. Innerhalb kürzester Zeit sehe ich immer mehr Menschen und Autos gen Hafen fahren. Ich frage einen Mann auf der Straße, was passiert sei. „Das Feuer ist runter gekommen. Das Tal brennt!“ Mein Mann schmeißt sich auf sein Motorrad, um die Lage zu checken. Ich packe meinen Rucksack mit dem Nötigsten, vor allem mit  Milch und Wasser. Ich hänge nasse Laken vor die Fenster. Meine Babies schlafen.  Im Hafen tauchen plötzlich aus der schwarzen Nacht die großen Lichter der ersten Fähre aus San Sebastian auf. Kann mich bitte einer wecken? Ich will jetzt sofort raus aus diesem Scheißfilm! Ich stehe auf der Terrasse, direkt am Meer. Der Rauch aus dem Obertal steigt in meine Nase und brennt in meinen Augen. Das Obertal, in orange flackerndes Licht getaucht. Ich denke an all meine Freunde aus dem Obertal. Mein Mann kommt zurück. Das Feuer ist ganz nah, in Las Orijamas. „Ich bringe dich jetzt mit den Mädchen zum Hafen“. Wir nehmen die Mäuse aus ihren Bettchen und machen uns zum Hafen auf. Ich steige mit meinen Mädchen auf die Fähre. Mein Mann bleibt zurück. Die Fähre legt ab. Das Ausmaß des brennenden Tal des Großen Königs wird immer sichtbarer. Ich bin stumm.

In San Sebastian ist in der Residencia Escolar, dem Schulinternat, alles für die Flüchtlinge aus dem Tal vorbereitet. Unzählige freiwillige Helfer richten Schlaflager und kümmern sich darum, dass wir zu essen und zu trinken haben. Für meine Kleinen werden Extraportionen Joghurts organisiert, obwohl ich gar nicht darum gebeten habe. Ich bin beeindruckt und tief berührt von der liebevollen und perfekt organisierten Hilfe der Gomeros.

An diesem Tag habe ich mich einmal mehr in meine so liebenswürdigen Gastgeber, deren Heimat ich bewohnen darf, verliebt!

Gegen 11.00 Uhr am nächsten Morgen kommt mein Mann. Auch er ist mit der Fähre aus dem Tal nach San Sebastian gekommen. Wir fahren nach La Laja. In unser Haus. Vollkommen unversehrt steht es da. Glück gehabt.

Gab es möglicherweise doch Gewinner?

 

Ja.
Meine Liebe zu meinem Mann, meine Liebe zu dieser Insel, auf der er geboren und groß wurde, meine Liebe zu den anderen Einheimischen und ihren Vorfahren, die diesen Schatz Erde für uns und meine Kinder gehütet haben, ist größer und inniger geworden.
Ich bin dem Leben gegenüber demütiger geworden.
Wenn ich heute sehe, dass auf La Palma, Madeira und in Galizien die Sommerfeuer wüten, dann bin ich in tiefem Mitgefühl mit den dortigen Bewohnern verbunden.
Auch mit jedem Flüchtling verbindet mich seitdem mehr, als man meint.
Und mit meinen Großmüttern! Das Feuer hat uns – viele Jahre nachdem meine beiden Omis gestorben sind – zu Schwestern gemacht.

Wenn ich heute – vier Jahre danach – sehe, wie sehr sich die Natur erholt hat, wie kraftvoll und üppig sie nachwächst, wie sich an manchen Stellen Tod und Leben harmonisch ineinander fügen, wenn ein verkohlter Baumstamm von zig bunten Blumen umwachsen ist, dann verneige ich mich in Demut vor der Größe der Schöpfung und bin meinem Schicksal dankbar.
Es hat mich und meine Liebe für das Leben und vieles andere größer gemacht.

Te amo, La Gomera!

Deine

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2 Comments

  1. ich habe das Feuer erlebt als ich mal in Los Granadas gewohnt habe. Ich wurde nachts geweckt, es war schon Rauch in meinem Zimmer. Ganz schrecklich, erster Impuls nur weg, zweiter Impuls was nehme ich mit auf die Schnelle. Ich habe meine Geldbörse, ein Kissen und eine Decke gegrapscht und runter zum Hafen dort die weitere Nacht am Kai auf den Steinen verbracht….Die Gomeras sind auf der Straße geblieben und haben ihre Häuser im Auge behalten. Ich werde es nie vergessen, da die Gomeras mich zum Hafen geschickt haben. Ich empfand große Dankbarkeit ihnen gegenüber.

    • Ja, Tatjana… Es ist unbeschreiblich, was die Gomeros im Laufe der Jahrhunderte alles gemeistert haben. Meine ehemaligen Vermieter aus dem Obertal sind auch dem Evakuierungs-Befehl nicht nachgekommen, um ihr Haus vor dem Feuer zu verteidigen, was ihnen tatsächlich gelungen ist. Als sie mir Monate später davon erzählten, war in ihren Augen deutlich zu erkennen, dass sie dem Tod ins Auge geblickt hatten. Ich verneige mich vor diesem kämpferischen, liebevollen, weisen Volk!

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