Jahrestag. Über das Leben, die Liebe und ein Leben in Liebe

Gestern hatte ich Geburtstag. Siebenundvierzig Jahre bin ich nun auf dieser Welt. Noch drei Jahre und ich werde fünfzig, was sich für mich vollkommen absurd anfühlt. Irgendwie werden die alten Leute immer jünger. Früher waren die alten Leute älter, finde ich. Manche meinen, das läge daran, dass die alten Leute von früher – also die Generation meiner Großeltern – den Krieg miterlebt hätten und dass dies entsprechende Spuren hinterlassen hat. 

Als ich vorgestern Abend zu Bett ging, las ich in einem meiner alten Tagebücher und schlug „zufällig“ folgende Seite auf:

Montag, 16. Februar 1998, 10.00 Uhr

„Heute ist mein Geburtstag und ich habe das Gefühl, neu geboren worden zu sein!
Als hätte ein neues, wunderschön werdendes Leben begonnen.“

 

Damals feierte ich meinen 28. Geburtstag. Und in der Tat hat mit 28 Jahren eine neue Zeitrechnung für mich begonnen. Ich hatte mich kurz zuvor nach fast zehn Jahren Beziehung von meiner Jugendliebe getrennt und damit einen Traum begraben, den ich seit meinem zehnten Lebensjahr geträumt hatte. Am 16. Februar 1998 bezog ich meine neue Wohnung und genoss mein neues Leben und meine Freiheit in vollen Zügen. Die neue Freiheit hatte allerdings ihren Preis.

Denn nachdem ich das sichere Gerüst “Beziehung” verlassen hatte, brach kurz darauf ein altes, bis dahin vollkommen verdrängtes Trauma in mir auf und brachte mein ganzes bis dahin gültiges Weltbild von jetzt auf gleich zum Einsturz. Zeitgleich ging mein damaliger Chef in Rente, ein neuer Chef kam und ein fast drei Jahre dauerndes Martyrium subtilen Mobbings begann. 

Zaubergesang in der Unterwasserwelt

Im Sommer 2000 hatte ich die seltene Gelegenheit, bei einem Gomeraurlaub mit Delfinen im Wasser sein zu dürfen. Eine Begegnung, die weitere, tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen würde. Der Moment, als ich mit den Tieren im Wasser war, hat sich tief in meine Seele eingeprägt. Es war, als hätte die Zeit still gestanden. Wir waren ziemlich weit hinaus auf’s Meer gefahren und trafen auf eine Schule von Delfinen, die offensichtlich gut gelaunt und zum Spielen bereit waren. Nach und nach durfte ein Gast nach dem anderen (wir waren ingesamt zu acht auf dem Boot) zu den Tieren ins Wasser. Als ich – als Letzte – endlich an der Reihe war, verschwanden die Tiere plötzlich. Ich fand das zwar schade, aber nicht weiter tragisch und nahm es als Schicksal gegeben hin. Wir waren schon wieder auf dem Weg Richtung Heimathafen, als unser Kapitän Bernd plötzlich inne hielt, mich ansah und sagte: Melanie, das geht nicht! Das kann nicht sein, dass du nicht mit ihnen im Wasser warst. Wir fahren ihnen hinterher”. 

Dann fuhren wir ein Stück Richtung Norden und plötzlich tauchten sie wieder auf. Ich zog mir Taucherbrille und Schnorchel auf und ließ mich zu den Delfinen ins Wasser gleiten….
Ich habe diesen Moment so in Erinnerung, als hätte er in einem Paralleluniversum stattgefunden und sei dort – fern von Raum und Zeit – wie ein bewegtes, mehrdimensionales Hologramm,  hineingraviert.
Ich war in einer anderen Welt. Ich hörte die Delfine fiepen, was sie – wie mir Bernd später sagte – nur selten tun, wenn Menschen mit ihnen im Wasser sind. Wie eine Wand schwammen sie vor mir synchron in wunderschönen, harmonischen Linien. Und dann geschah das, was ich mir bis heute nicht erklären kann: Ich hörte die schönste Musik, die ich je in meinem Leben gehört hatte. Klassische Musik von einer Schönheit und Perfektion, wie ich sie auf Erden noch nicht gehört habe. Unter Wasser.

Zwei Jahre später hörte ich diese Musik wieder, als ich alleine auf Gomera wanderte und an einem Ort Rast machte, den ich seitdem „Heiliger Ort der Stille“ nenne.

Ausgebrannt

Man sagt, dass solche Delfinbegegnungen das Leben eines Menschen radikal verändern. Ich kann das bestätigen. Kurz darauf brach mein gesamtes bisheriges Leben, brach ICH, erneut komplett zusammen. Das verdrängte Trauma und seine Bewältigung, das Mobbing durch meinen Chef – all das war so viel geworden, dass es mich komplett verbrannt hat. Burnout. Tunnelblick. Und kein Licht mehr am Horizont. Ein solcher Burnout ist ein schleichender Prozess, den man – wenn man selbst darin steckt – kaum objektiv als solchen bewerten kann und deshalb auch nicht bemerkt. Durch den damit verbundenen sozialen Rückzug bekommt ihn auch das Umfeld kaum mit. Als ich irgendwann keinerlei Kraft mehr für den täglichen Überlebenskampf hatte, beschloss ich, meinem Leben ein Ende zu setzen. Am 8. November 2000 sollte es soweit sein. Zwei  Tage vorher befahl mich mein Schutzengel zu meinem Hausarzt. Auch dieser Moment, als ich wie ferngesteuert zum Telefonhörer griff, meinen Arzt anrief und um einen Nottermin bat, hat sich tief und unauslöschlich in mir eingeprägt. Um 19.00 Uhr hatte ich meinen Nottermin und erzählte meinem Arzt von meinen Absichten. Er hörte mir  anderthalb Stunden lang aufmerksam zu, schrieb mich krank und organisierte gemeinsam mit der Sachbearbeiterin meiner Krankenkasse alles, damit ich so schnell wie möglich zur Kur kam. Neben meinem Schutzengel hatte ich also auch noch zwei Menschengel an meiner Seite….

Nach fast einem Jahr Arbeitsunfähigkeit begann ich – im Alter von 30 Jahren – zu studieren und geriet – auch wegen meines Alters und meiner Berufserfahrung – noch während des Studiums in meine ersten Jobs als Trainer und Consultant, später auch als Coach.

Leben heißt: lebendig sein

16. Februar 1998 – Das ist nun neunzehn Jahre her. Neunzehn Jahre! Wo seid ihr geblieben?, frage ich mich auf der einen Seite. Wie schnell ist die Zeit von dannen gerast? Und dann schaue ich, was alles in dieser Zeit passiert ist, wie intensiv diese neunzehn Jahre waren, wie viel Leben ich getrunken, wie sehr ich gelebt und gekostet habe von dem, was Leben bedeutet. Durch wie viel Schmerz ich auch gegangen bin und wie sehr mich dieser Schmerz transformiert hat. Wie sehr sich dieses Leben in den letzten neunzehn Jahren  immer wieder – teils radikal – verändert hat. Da scheinen neunzehn Jahre auf einmal gar nicht mehr viel, für so viel Leben, das in ihnen steckt.

Und ich stelle fest: Letztlich sind es die Momente, in denen ich intensiv gelebt und gefühlt habe, die mir in Erinnerung bleiben und die meine Jahre mit Leben und Lebendigkeit füllen.

Nicht, dass diese Erkenntnis neu wäre. Aber mir ist auch bewusst geworden, wie sehr ich mich in der letzten Zeit von der Technik, von dem Medium Internet und von den Social Media habe einfangen und einlullen und von der Lebendigkeit des Lebens habe wegbringen lassen. Ich habe wundervolle Menschen über dieses Medium kennen gelernt und bin dafür sehr dankbar. 

Virtuelle Realitäten?

Die Medaille hat aber auch noch eine andere Seite. In der letzten Zeit beobachte ich Entwicklungen, die mir Sorge und Unwohlsein bereiten. Eine zunehmende Lieblosigkeit und Verrohung und regelrechte, in der virtuellen Öffentlichkeit ausgetragene Kleinkriege, bei denen Menschen denunziert und an den Pranger gestellt werden. Menschen, die „eigentlich“ Kollegen von mir sind, die sich zur Aufgabe gemacht haben, anderen Menschen zu deren innerem und äußerem Wachstum zu verhelfen und die sich in einer menschenverachtenden, beinahe hasserfüllten Art und Weise gegenüber anders Denkenden äußern, dass es mich schaudert.
Menschen, die politisch gut informiert sind und sich für den Frieden aussprechen und in ihrer eigenen, kleinen virtuellen Welt mit brutal verletzenden Waffen agieren.
Menschen, die ihre intellektuelle Bildung derart aufbauschen und in den Vordergrund stellen, dass man annehmen möchte, sie wollten damit nur davon ablenken, dass es ihnen offenbar an der viel notwendigeren Weisheit des Herzens mangelt.

Sprache ist Energie

Auch, wenn es nur virtuell ist – auch diese Form von Kommunikation in den Social Media ist ein Energieträger. Gefühlsenergie, die aus uns heraus fließt, hin zum anderen, in die sie dann einfließt und ihn entsprechend „be-einflusst“. Je nachdem, welchen Satz, welche Information wir lesen, erzeugt das durch unsere subjektive Interpretation entsprechende Emotionen bei uns. Und umgekehrt! Auch, wenn wir vor Maschinen sitzen und die Informationen, die wir dort lesen, eindimensional sind, so sind wir, als Empfänger dieser Informationen, doch immer noch mehrdimensionale, fühlende Wesen. Und nehmen die Information und ihre Energie, die wir empfangen, in uns auf. Und senden sie wieder aus.

Die Bedeutung der Notwendigkeit eines maximal sorgsamen Umgangs mit unserer Sprache wird mir  – auch durch diese Beobachtungen – immer mehr bewusst. Wenn ich bedenke, wie differenziert ich mit meinen nächsten Menschen, die mir gegenüber sitzen, kommuniziere, wie sehr wir nachfragen, wenn wir meinen, etwas nicht richtig verstanden zu haben. Manchmal braucht es drei Anläufe, bis ein kleines Missverständnis aufgeklärt oder eine pauschale Formulierung so detailliert dargestellt wurde, dass der Empfänger sie so versteht, wie der Sender sie gemeint hat. Wie gesagt: mit den nächsten Menschen, vis à vis. Und wenn die Missverständnisse geklärt sind, entsteht wieder Nähe. Wirkliche, mehrdimensionale Nähe. 

Und dann bist du wieder auf Facebook und siehst ein menschenverachtendes Dreisatz-Dogma nach dem anderen. Wer so und so ist, wer dies und jenes meint, ist ein Arschloch. Wie früher, in der Grundschule. Nur viel, viel gefährlicher.

Aus und in Liebe

Bin ich abgeschweift? Nein. Es ging um meinen gestrigen Geburtstag und um den 16. Februar vor 19 Jahren, als mein neues Leben begann. In neunzehn Jahren bin ich sechsundsechzig, so Gott will. Bis dahin möchte ich dieses Leben mit so vielen schönen, intensiv gelebten Momenten füllen, wie es nur geht. Mit Menschen, die ich liebe, mit Menschen, die mich lieben. Dieses Leben leben, das ich liebe. Ein Leben, in dem die Liebe fließt. Mit Menschen, aus deren Herzen die Liebe fließt. 

Mir begegnen immer mehr davon. Und wer weiß, vielleicht können wir es mit all unserer Liebe sogar schaffen, das ein oder andere kalte Herz zu erwärmen und die Lieblosigkeit auf dieser Welt ein wenig weniger werden zu lassen…..

Gestern – an meinem Geburtstag – hatte ich ein wundervolles, mehrstündiges, intensives Outdoorcoaching am Meer mit einer Frau, deren Geschichte mich unglaublich fasziniert hat. Sie ist über die Empfehlung einer Bekannten zu mir gekommen. Meine gestrige Anvertraute meinte, dass sie meinen Blogpost „Wasser ist stärker als Stein“ gelesen hätte und da sei ihr klar gewesen, dass sie mich unbedingt treffen wollte, wir hätten dieselbe Vision, nämlich die, mit unserer Liebe diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Dieser wundervollen Frau und meinen Engeln, den Mensch gewordenen und den vielleicht einmal Mensch gewesenen, widme ich diesen Blogpost und schließe – noch einmal, weil es wichtig ist – mit Hesse:

 

Weich ist stärker als hart.
Wasser ist stärker als Stein.
Liebe ist stärker als Gewalt.

 

Auf die Liebe, ihr Lieben!

 

PS: Melde dich, wenn du meine Begleitung wünschst….. Unter dem Menüpunkt „about“ kannst du lesen, was andere über mich und meine Arbeit sagen.
Wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich sehr über deinen Kommentar.

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14 Comments

  1. Danke für diese wertvollen, bewegenden Artikel. Danke dass du uns Einblick gibst und uns sagst wie du zu dem Menschen geworden bist, der du jetzt bist. Danke dass wir uns im Netz begegnen durften -uns verbindet auch dieser Satz von dir: “….Und wer weiß, vielleicht können wir es mit all unserer Liebe sogar schaffen, das ein oder andere kalte Herz zu erwärmen und die Lieblosigkeit auf dieser Welt ein wenig weniger werden zu lassen…..”
    Das ist mein Bestreben. mein Sein und dafür tue ich das was ich tue – ich glaube ganz fest daran, dass jeder von uns mit seiner Liebe die Welt zu seinem besseren Ort machen kann. <3

    • Danke, liebe Ursula! Auch, wenn der Satz leider verpönt ist, ich verwende ihn dennoch: Wir schaffen das!
      Fühl’ dich gedrückt! – Melanie

  2. Liebe Melanie, gestern kam eine Karte aus La Gomera an. Jetzt lese ich Deinen berührenden Blogbeitrag und mir kommen die Tränen beim letzten Abschnitt. Schön, dass Ihr Euch begegnet seid. 🙂 Das sind die Momente, wo ich dankbar für das Medium Internet bin. Wenn solche Verbindungen über Tausende von Kilometern spürbar werden. Alles Liebe für Dein neues Lebensjahr, von ganzem Herzen für Dich.

  3. Wow, ich bin gerührt, berührt, fühle mich tief mit dir verbunden. Du hast sicher viele Gaben und eine davon ist SCHREIBEN. Ich lese das immer soo gerne, was und wie du etwas formulierst. Hast du das Buch schon angefangen? Ich sehe sie da stehen, deine Leser/innen. Sie warten drauf. Herzensgrüße Moni

  4. Hut ab.
    Ich habe früher auch Tagebücher geschrieben, da ging es auch nur um Versuche, Gefühle zu beschreiben. Meine heutige Meinung: Das ist das was letzten Endes als Erinnerung bei jeder Seele übrig bleibt und das ist wertvoller als sachliche Informationen. Bewundere deine Formulierung,: die Gefühle in den Vordergrund zu stellen!!! Danke dir.

  5. Dein bester Artikel ever, so offen, ehrlich, mutig und berührend! Hoffentlich inspiriert er viele Andere, endlich auch ihre Wahrheit zu leben und damit den lieblosen, selbstgefälligen Kollegen da draußen die Kraft zu nehmen. Love Andrea

  6. Liebe Melanie,
    es passiert nicht so oft, dass man einen Menschen begegnet und man hat sofort das Gefühl ihn schon ewig zu kennen. Nicht eine Sekunde benötigt man um ein vertrautes Gespräch zu starten.
    Ich freue mich auf die lange Zeit, die wir zusammen etwas anpacken werden. Toll, dass wir uns gefunden haben. Ich bedanke mich auch noch ganz lieb bei dem Engel der da nachgeholfen hat.
    Ganz herzlich Siggi

    • Liebe Siggi! Ich danke DIR für diese wundervolle Begegnung und freue mich ebenfalls sehr, dass wir uns gefunden haben. Ich bin in Gedanken oft bei dir und freue mich auf unsere gemeinsame Zeit und dein Projekt! Alles Liebe für dich und bis ganz bald wieder, wir sind verbunden! – Melanie

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