Holy Shit. Oder: Warum blinkende Arschlöcher nicht lustig sind.

Mit ein paar Freunden mache ich seit ein paar Jahren eine Art Kulturprojekt. Wir sind die Inselpoeten und veranstalten in der Hochsaison diverse Abende, an denen wir selbst auftreten und immer auch Gastpoeten bei uns haben, die meist etwas Musikalisches vortragen.

Im letzten Jahr wagten wir in der Sommerpause gemeinsam mit den Besitzern unseres Lieblingsrestaurants zwei mal ein Experiment: Die Inselpoeten in Verbindung mit kulinarischen Genüssen. Und so gab es an diesen besonderen beiden Abenden jeweils ein Fünfgängemenü vom Feinsten, wobei wir Poeten in den Verzehrpausen auftraten. So richtig schick, irgendwie.

Ich bin bei den Inselpoeten hautsächlich für die Satire zuständig. Für den zweiten Veranstaltungsabend hatte ich mir dazu ein etwas grenzwertiges Thema ausgesucht. Mir war klar, dass es pikant war, aber ich hatte allein bei der Vorbereitung zu diesem Thema einen solchen Spaß! Einmal lag ich mit meinen Kindern abends in deren Bett und während die beiden gerade sanft ins Schlummerland hinüber glitten, wurde ich von einer spontanen Idee zu meinem Thema heimgesucht und brach in Tränen aus vor lauter Lachen!

Trotzdem wurde ich hier und da von Zweifeln heimgesucht und fragte mich: Melli, kannst du das wirklich bringen? Hier auf Gomera? Ein solches Thema? Und dann fiel mir jedes Mal ein, dass ich ja lediglich über etwas spreche, das für andere Menschen ein absolutes Must-Have ist.

Die Rede ist von “Anableaching”. Eine Schönheitsmaßnahme, die in Deutschland offenbar ziemlich hipp ist und für die man beim entsprechenden Experten gut und gerne tausend Euro auf den Tisch legt.

In meiner Vorbereitung versuchte ich mich einzufühlen in einen Menschen, der auf die Idee kommt, sich die Rosette polieren zu lassen. Welche Probleme, so fragte ich mich, hat ein solcher Mensch wohl sonst noch? Worum kreisen seine Gedanken, seine Welt? Welches Verhältnis hat ein solcher Mensch z.B. grundsätzlich zur Erde und zu Dreck? Fühlt sich ein solcher Mensch anschließend sauberer? Wenn die natürlichen Pigmente rund um seinen Anus wegelasert wurden und er nun untenrum so ausschaut, als hätte er noch nie in seinem Leben gekackt?

Und ich fragte mich auch: Wo in ihrer Entwicklung steht eine Gesellschaft, in der eine solche, recht kostenintensive Maßnahme zu einer Modeerscheinung wird? Wie viele Kinderleben könnte man mit wie vielen Patenschaften retten, wenn man auf die Politur seines Arschlochs verzichtete?

Ich meine das jetzt nicht moralisch, ich frage mich das wirklich. Das sind zwei real existierende Welten, die hier aufeinander prallen und der Knall dieses Aufeinanderprallens ist in meinen Ohren ziemlich laut. Wobei es ja viele solcher aufeinander prallenden Welten gibt, aber dieses Beispiel hier ist so herrlich prägnant, für mich jedenfalls.

Das Publikum verhielt sich an diesem Abend übrigens anders als sonst, was wohl auch daran lag, dass ich Regel Nr. 1 einer guten Satire und eines guten Vortrags einfach außer acht gelassen hatte: Relevanz!

Das Thema, über das man spricht, muss auf jeden Fall relevant sein für die Zuhörer. Es macht wenig Sinn, den Mitgliedern des Kleingartenvereins Castrop-Rauxel Süd eine Darbietung über französische Briefmarken aus dem frühen 18. Jahrhundert zu geben oder Liebhabern französischer Briefmarken aus dem frühen 18. Jahrhundert etwas über Kleingärtnern zu erzählen.

Bei meinem Thema war die Krux nun dergestalt, dass diejenigen, für die das Thema aus eigener Erfahrung durchaus relevant war, aus Gründen der Peinlichkeit so taten, als wüssten sie von nix. Und die, die tatsächlich von nix wussten, mussten nichtmal so tun. Gelacht wurde trotzdem. Wobei sich einige auch ordentlich mokierten, also so ein Thema könne man doch nicht bringen im Rahmen eines solchen Abends. Ich gehe davon aus, dass es diejenigen waren, die genau wussten, wovon ich rede, haha.

Eine Frau kam anschließend zu mir und bedankte sich für die Aufklärung. Endlich wisse sie, was sie neulich am Nacktbadestrand bei dem einen Mann so komisch fand, als der sich genau vor ihr bückte.

Auf jeden Fall dürfte der Begriff “Analbleaching” in dieser Nacht der bei google meistgesuchte aus unserem kleinen Tal am Arsch (huch) der Welt gewesen sein. Es ist davon auszugehen, dass uns deswegen sogar die Staatsgewalt, wenn nicht sogar der Geheimdienst auf dem Schirm hatte. Analbleaching auf Gomera. Das kann nur was mit “weißer Scheiße” zu tun haben.

Liebe Staatsgewalt, liebe Geheimdienste: Nein, es ging nicht um einen fetten Drogendeal, es ging um eine ganz normale Modeerscheinung.

Mit freundlichen Grüßen

Melanie

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