German Schuld. Eine Art Liebesbrief.

Dieser Beitrag schlummert schon eine ganze Weile in meiner virtuellen Schublade. Um genau zu sein:  Drei Jahre! Ich halte die Zeit und mich selbst nun für reif genug, ihn zu veröffentlichen. Denn Faschismus und Rechtsextremismus breiten sich gerade weltweit (!) aus wie toxische Tentakel um Freiheit und Demokratie. Im Großen, wie im Kleinen. Und hat es nicht immer ganz klein angefangen….?

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Liebes Deutschland,

als ich dich vor zehn Jahren verließ, da bin ich nicht von dir fortgegangen. Ich hatte keinen Grund, dich zu verlassen. Ich war glücklich mit dir und habe mich wohlgefühlt. Siebenunddreißig Jahre lang. Aber ich hatte mich in einen Flecken Erde verliebt, der mich rief. Seit ich diesem Ruf folgte und von dir weg zog, beobachte ich dich aus der Ferne. Ich habe nicht geahnt, wie sehr diese Distanz meinen Blick auf dich verändern würde.

Vor zwei Jahren war ich zu Weihnachten in Deutschland. Es war schön und harmonisch. Eines abends stand ich auf dem Balkon und betrachtete die Einfamilienhäuser in der Nachbarschaft, mit ihren hübschen Vorgärten, in denen der samtweich anmutende Rasen so aussah, als würde er jeden Samstag mit der Nagelschere zurecht geschnitten. Ich sah die vielen kleinen sauberen Zweitwagen vor den Garageneinfahrten, in denen die größeren, edleren Autos standen. Friede, Freude, Eierkuchen im gehobenen Mittelstand.
Existenzangst

Und auf einmal, während ich so dastand, kroch ohne jeden konkreten Anlass und ganz unvermittelt die Existenzangst vom Boden über meine Füße meine Beine hinauf. An meinen Schultern traf sie auf die schwere Last der Schuld. Einfach so.

Ich war in Ferien, es war Weihnachten, ich war sorglos und in Liebe mit meinen Liebsten. Alles war schön und vollkommen stressfrei. Keine Gefahr weit und breit. Woher dieses Gefühl!?

Plötzlich wurde mir gewahr, dass ich dieses Gefühl von Schuld und Existenzangst immer empfunden hatte, so lange ich in Deutschland lebte. Obwohl ich zeitweise sehr gut verdiente und mir schon damals dieses ständige Gefühl von Existenzangst und Schuld nicht erklären konnte.

Hier, auf meiner kleinen Kanareninsel, wo ich so wenig besitze wie noch nie zuvor in meinem Leben, habe ich dieses Gefühl nie.

Auf einmal beschlich mich ein Verdacht: Was, wenn dies eine kollektive Geschichte ist? Ein kollektives Gefühl, an das ich als Deutsche mit deutschen Wurzeln angedockt bin?

Das kollektive Gefühl der Deutschen: Schuld und Existenzangst.

Kriegserben

Unser Kriegserbe. Das wir in jeder unserer Zellen tragen. Weil unsere Vorfahren das Trauma des Zweiten Weltkriegs, das sie selbst durchlebt haben, niemals verarbeiten konnten.

Die Traumforschung sieht es heute als erwiesen an, dass sich unverarbeitete Traumata auf die Folgegenerationen vererben. In dem Buch „Kriegsenkel“ von Sabine Bode beschreiben viele Menschen meiner Generation genau die Symptome der Kriegsenkel.

Ich halte es für wichtiger denn je, dass wir uns mit unserem schweren Erbe konfrontieren und es endlich auflösen.

Geschichte wiederholt sich, sagt man.

Ich hoffe, nicht!
Das Volk der Gelähmten

Neulich sah ich einen Bericht über Deutsche, die sich im Silikon Valley niedergelassen haben. Folgende Aussage machte mich nachdenklich: Die Deutschen seien das Volk der Dichter und Denker, aber die Amerikaner – und insbesondere die im Silikon Valley – seien vielmehr ein Volk der Macher. Eines, das sich etwas traut. Die Deutschen hingegen seien sehr zurückhaltend und wenig entscheidungsfreudig und trauten sich nicht, ihr Potenzial – das sie zweifelsohne haben – zu leben.

Deine aktuelle politische Situation macht das gerade sehr deutlich. Das totale Chaos breitet sich aus und keiner hat einen Plan, wie eine Lösung aussehen könnte.

Wenn die aktuelle Entwicklung so weiterläuft, dann bist nicht nur du, Deutschland, sondern auch Europa ernsthaft in Gefahr. Da sind sich die Experten aus Politik und Wirtschaft mittlerweile einig.

Mir geht es aber nicht darum, deine aktuellen Missstände zu diskutieren. Es ist etwas anders, das mich tief berührt und betroffen macht. Und das ist alt. Sehr alt.

Denn es stimmt: Dein Volk der Dichter und Denker ist in vielen Bereichen extrem zurückhaltend und entscheidungsunfähig.

German Angst

In der Soziologie ist der Begriff der „German Angst“ schon lange definiert. Gemeint ist damit jene von den Amerikanern geäußerte „deutsche Zögerlichkeit“. Es gibt sogar einen Film und Bücher mit dem Titel „German Angst“. Eines davon ist ebenfalls von Sabine Bode, die sich mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges für die Nachfolgegenerationen intensiv befasst hat. Ein Thema, das meiner Meinung nach nicht mit der Dringlichkeit angegangen wird, die es braucht! Vor allem jetzt!

Denn die Zeit, sich mit diesem Thema auf einem ganz neuen und intensiven Niveau zu beschäftigen, ist mehr als reif!

Ich las die Bücher von Sabine Bode. Insbesondere bei dem Buch „Die vergessene Generation“, in dem Zeitzeugen von ihren Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg berichten, war die vielleicht schwerste literarische Kost, die ich jemals gelesen habe. Sicher kannte ich die Geschichten meiner Großmutter, wenn sie erzählte, wie sie nachts mit ihren beiden kleinen Kindern und einer Tasche mit dem Nötigsten in den Luftschutzbunker flüchtete. Meine Oma hat oft davon erzählt. Aber immer so, als würde sie den aktuellen Busfahrplan vorlesen. Vollkommen emotionslos. Heute weiß ich, dass sie sich die mit ihren Erinnerungen verbundenen Gefühle nicht leisten konnte. Sie hatte gelernt, zu überleben. Und um seinerzeit überleben zu können, musste man einen beachtlichen Teil seiner Emotionen abspalten. Selbstschutz.

Wann werd’ ich je verstehn’?
Es tut weh zu lesen, wie sehr die Generation meiner Eltern unter der emotionalen Kälte der Erwachsenen in ihrer Kindheit gelitten hat und dass ihre Seelen in der Obhut der verkümmerten Seelen ihrer Eltern niemals eine Chance hatten, zu jener Pracht zu erblühen, die möglich gewesen wäre.

Mich persönlich hat die Lektüre dieser Bücher an meine persönlichen Grenzen des Erträglichen und darüber hinaus gebracht. Ich saß abends da und las und dachte „Willst du dir das wirklich antun!?“ Die Antwort lautete: „Ja!“ Denn ich wollte verstehen. Ich wollte endlich verstehen und das ging nur in der gnadenlosen Konfrontation mit dem, was meine Vorfahren tatsächlich erlebt hatten.

Und genau das ist passiert: Es hat sich ein tiefes Verständnis für die seelische Not meiner Vorfahren entwickelt. Ich habe verstanden, warum sie so waren, wie sie waren. Ich habe verstanden, dass sie nicht anders hatten sein können, denn wenn sie anders hätten sein können, dann wären sie anders gewesen. Sie haben ihr Bestes gegeben. Mehr war nicht drin. Aber von dem bisschen an Bestem, davon haben sie alles gegeben. Ich kann nur staunen, wie viel das letztlich doch noch war.

Ich nehme bestimmte Verhaltensweisen der Erwachsenen, unter denen ich als Kind gelitten habe, nicht mehr persönlich. Weil ich nun den wahren Grund für ihr Verhalten kenne. Und der hat nichts, aber auch gar nichts mit mir als Person zu tun.

Tiefes Verständnis ist die Tür zur Freiheit

Durch dieses Verstehen hat sich für mich eine Tür geöffnet: Die Tür zur Freiheit!

Eine Freiheit, die ich in dieser Form bislang nicht kannte. Ich fühlte mich zum ersten Mal von dem Zwang befreit, nach Schuldigen suchen zu müssen. Soviel Unausgesprochenes war immer zwischen mir und meinen Großeltern und Eltern gewesen – endlich hatte es Worte gefunden und Gestalt bekommen!

Die Traumaforschung geht heute davon aus, dass sich tatsächlich sämtliche „Informationen“ der unverarbeiteten Kriegstraumata unserer Vorfahren – also Vergewaltigungen, Morde, Hungersnot, Flucht, Vertreibung, Todesangst und abgrundtiefes Elend – in unserem Zellsystem verankert haben.

Wir haben die unverarbeiteten Traumata unserer Großeltern und Eltern als Information in unseren Zellen gespeichert. Und können diese Informationen nicht zuordnen.

Da wundert es nicht, dass sich so viele von uns noch immer in der wort- und gegenstandslosen Grauzone ihres Selbst befinden, trotz jahrelanger intensiver Arbeit an sich selbst.
Eine Frage der Schuld
Ich sehe auch noch einen anderen Aspekt für die aktuelle Situation in Deutschland. Und dieser ist bislang unbeachtet. Denn er berührt ein Tabu:

Die „German Schuld“.

Das Volk der Deutschen war überzeugt, den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen und Weltmacht zu werden. Die, die nicht überzeugt waren, wurden von der Masse mitgerissen oder mit Morddrohungen zum Mitgehen gezwungen.

Ende vom Lied: Wir sind „gescheitert“ und als gebrochenes Volk in einer zerbrochenen Welt zurück geblieben.

Als sei das nicht genug, sind wir zu allem Überfluss auch noch schuld an allem! Wir sind die Schuldigen für einen grausamen Krieg, wir sind schuld am Tod von Millionen von Menschen. Auch für unser eigenes durch den Krieg entstandenes Leid tragen wir die Schuld.

In Anbetracht der aktuellen Entwicklung in Deutschland stelle ich mir ernsthaft die Frage: Was haben all die Holocaust-Gedenk-Veranstaltungen gebracht!? Wenn wir gerade mit großen Schritten darauf zugehen, dass sich die deutsche Geschichte wiederholt und wir nicht mit vereinten Kräften alle daran setzen, genau dies zu verhindern!?

Ich komme zu der Antwort, dass wir uns zwar zu unserer Täterschaft bekannt haben, uns jedoch bis heute zu nie mit unserem Opferdasein auseinander gesetzt haben. Mit Opferdasein meine ich nicht, die Täterschaft für den Holocaust zu verleugnen, sondern anzuerkennen, dass auch wir, als deutsches Volk, unter den Folgen des von uns verschuldeten Krieges gelitten haben und teilweise immer noch leiden.

Wir tragen diese große Schuld als Grundinformation in unserem Zeltsystem!

Die German Schuld bildet damit meiner Meinung nach erst die Grundlage für die German Angst.

Auf einem Boden aus Schuld und Scham gedeiht Angst hervorragend.

Der deutsche Soziologe Sigward Necke beschreibt Schuld und Scham als Ausgangspunkt für Gewissensangst und soziale Angst.

Mich hat immer gewundert, wie freundlich und offen mir Menschen aus anderen Nationen begegnet sind. Ich erinnere mich, dass ich schon als Kind immer dachte: „Wie können die so freundlich zu mir sein? Ich bin doch Deutsche…?“.

Betrachtet man nun das aktuelle politische und gesellschaftliche Phlegma in Deutschland, dann kommt man durchaus zu dem Schluss: German Schuld ist die Krankheit der Deutschen! Die haben wir ganz exklusiv, nur für uns. Kein anderes Volk auf der Welt kann da mitreden. Will aber auch keiner.

Typisch deutsch

Aus diesem tiefen Schuldkomplex und der bis heute nicht anerkannten, parallel zur nicht zu leugnenden Schuld vorhandenen Opferposition heraus, ergeben sich für mich allerlei typisch deutsche Verhaltensweisen, die man zum Beispiel im südeuropäischen Ausland gar nicht kennt.

Jammern zum Beispiel ist eine dem Deutschen eher unbekannte Möglichkeit, Unwohlsein zum Ausdruck zu bringen. In Südeuropa wird viel mehr öffentlich gejammert und jeder, der schon mal auf einer spanischen Beerdigung war weiß, was ich meine.

Der Deutsche? Nein, der jammert nicht. Schon gar nicht öffentlich. Der wird lieber depressiv. Am besten heimlich, still und leise.

Patriotismus? Wehe! Die Erlaubnis zum öffentlichen Patriotismus haben die Deutschen alle zwei Jahre: Zur EM und zur WM. Dann, aber nur dann, dürfen wir stolz unser Deutschlandfähnchen ans Auto heften und im Vorgarten hissen. Wer sich außerhalb dieser festgelegten Zeiten veranlasst fühlt, Nationalstolz zu zeigen, ist ein Nazi.

Manche reden sich die Flüchtlingswelle noch immer schön. Die anderen hauen jedem, der auch nur annähernd nach Südland duftet, auf’s Maul und/oder fackeln Notunterkünfte ab.

Und die, die zwischen diesen Fronten stehen, haben einfach nur Angst und schließen sich aus lauter Unfähigkeit der Politik solch extrem gefährlichen Rattenfängern wie der AfD an!

Und nicht ein einziges Mal wurden wahr- und ernstzunehmende Stimmen laut, die die wahren Ursachen für die Kriege, aus denen die Millionen Menschen unfreiwillig geflüchtet sind und weiter flüchten, benannt hätten! Denn auch da ist Deutschland sowohl politisch als auch wirtschaftlich ganz fett im Geschäft. Alte Schulden begleichen…

Deutschland hat Angst. Die Anzahl der Fort Knox-Sicherheitsschlösser an den Wohnungstüren wächst täglich, den Geschäften für Jagdzubehör geht der Nachschub an Pfefferspray aus, sowohl der rechte als auch der linke Untergrund mobilisieren und bewaffnen sich.

Demos? Wo bist du?

Ist Deutschland noch eine Demokratie? Was ist denn das für eine Nation, die als einziges Mittel des Protests gegen die aktuelle Regierung eine vermeintliche Alternative wählt, die uns in die schwärzesten Zeiten unserer Geschichte zurück bringt? Demos heißt: das Staatsvolk!

Aber nein, „Wir sind das Volk“ darf man ja nicht sagen, weil dieser Spruch von Hitlers späten Fanatikern verwendet wird und dazu will man ja nicht gehören, zumindest nicht so offensichtlich.

Zweifelsohne trägt Deutschland eine Mitschuld an den aktuellen Kriegen in jenen Ländern, aus denen die Menschen nach Deutschland fliehen. Zum einen durch die Lieferung von Kriegsmaterial und der direkten Beteiligung als NATO-Partner.

Zum anderen trägt Deutschland aber auch insofern eine Mitschuld, als dass es sich nie getraut hat, den Kriegsverursachern entschieden entgegen zu treten!

Genau an dieser Stelle schließt sich ein Kreis. An dieser Stelle befindet sich aber auch eine Tür, die es so bald wie möglich zu öffnen gilt!

Viele der Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind und noch kommen, sind Menschen, die genau dasselbe erlebt haben, wie seinerzeit unsere Großeltern. Aber es sind Menschen, die den Albtraum, aus dem sie kommen, nicht verschuldet haben. Die aber vielleicht genau das nach Deutschland bringen, was wir bei unseren Großeltern so vergeblich gesucht haben: Eine emotionale Resonanz zum am eigenen Leibe erfahrenen Kriegstrauma! Das ist eine Gemeinsamkeit, die uns mit diesen Menschen verbindet, auch, wenn sie Generationen und Nationen übergreifend ist.

Gefangene der Schuld

Schuld macht klein. Schuld macht abhängig. Schuld macht unfrei. Schuld hält gefangen. Schuld unterdrückt. Schuld macht handlungsunfähig. Es wird Zeit, dass wir – nachdem wir unsere Täterschaft am Holocaust vollumfänglich angenommen haben und damit niemals, niemals leugnen können – auch unser eigenes Leid an den Kriegsfolgen vollumfänglich annehmen. Es gibt keine andere Nation, die uns diese Aufgabe abnehmen könnte. Das müssen wir ganz alleine tun. Endlich anerkennen, dass auch wir gelitten haben. Damit sich dieses Grauen und das aus ihm resultierende Leiden niemals wiederholt!

Mitunter glaube ich sogar, dass so mancher Ausländerhasser gar nicht die Ausländer meint, sondern dass er einfach nur irgendwie diese scheiß Schuld loswerden will. Und meint, einen gefunden zu haben, auf die er sie abwälzen kann. Es ist und bleibt dasselbe Spiel des Hasses, wenn wir nicht endlich anfangen, es zu durchschauen.

Jahrgang 1970. Der Zweite Weltkrieg ist Teil meines Lebens

Ich erinnere mich an meine Großeltern. Meine Großväter waren beide im Krieg und kamen als körperliche und seelische Krüppel von dort zurück. Es ist davon auszugehen, dass meine Großväter getötet haben. Vermutlich haben sie nie versucht, ihre Opfer zu zählen. Wir haben nie darüber gesprochen.

Wir haben auch nie darüber gesprochen, wie es war, wenn sie im Schützengraben lagen und die Kameraden neben sich krepieren sahen. Oder wie sie selbst schwer verletzt in sibirischer Gefangenschaft waren und dem Tod in die Augen blickten. Meine Großväter haben den Krieg überlebt. Körperlich. Nur deshalb bin ich heute hier.

Meine Großmutter mütterlicherseits hat nie mit mir über den Krieg selbst gesprochen. Aber sie erzählte mir von ihrer Zeit in der Hitlerjugend, wo sie im „Bund deutscher Mädel“ war und dass es schön war, dass es endlich wieder ein Miteinander und eine gemeinsame Hoffnung auf eine bessere Zukunft gab. Dann seufzte sie tief und sagte: „Ja, und was dann geschah, das haben wir einfach nicht mitbekommen….“. Dann war das Gespräch beendet und wurde nie wieder fortgeführt.

Jahre später habe ich eine Biografie über Hitler gelesen und über die Zeit, in der meine Großeltern aufwuchsen und Hitler sich langsam an die Macht brachte. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was dieser Mensch anfänglich für das deutsche Volk bedeutet haben muss und warum es aus dieser Ausgangssituation so leicht für ihn war, die Massen in seinen Bann zu ziehen.

Meine Großmutter väterlicherseits hat mir oft vom Krieg erzählt. Sie berichtete dann wie es war, wenn sie nachts, als der Fliegeralarm losging, ihre beiden kleinen Kinder und eine Tasche packte und in den Luftschutzbunker floh. Immer wieder. Nacht für Nacht. Dass sie nichts zu essen hatten und nicht wussten, ob der Ehemann und Vater noch lebte und ob er überhaupt je wieder zurück kommen würde. Sie erzählte mir, wie es war, wenn die Bomben einschlugen und wenn sie bei Tagesanbruch, wenn der Lärm der Flieger verklungen war, wieder aus dem Bunker raus kamen und durch die Trümmer liefen, um zu gucken, ob das Haus noch steht… sie und ihre beiden kleinen Kinder.

Die Krüppel & Trümmer meiner Kindheit

Mein Großvater war im Verband der Kriegsversehrten. Donnerstag Abend ging man schwimmen. Ich ging manchmal mit. Ich sah Männer, denen Arme und Beine fehlten. Das war im Krieg passiert. Für mich war das Bild von Männern, denen Arme und Beine fehlten, normal. Wie könnte ich jemals vergessen, dass es den Zweiten Weltkrieg gab?

Mein Vater erzählte mir viel von seiner Zeit als Trümmerkind. Wenn wir in Aachen durch das Viertel spazierten, in dem er aufgewachsen war, dann wurde immer auf die Stellen gezeigt, wo er als Kind in den Trümmern gespielt hatte. Und auch die Stellen, wo Freunde von ihm beim Spielen in den Trümmern umgekommen waren. Die späten Opfer des Krieges.

Später arbeitete er, das Trümmerkind, ausgerechnet als Munitionsräumer. Überall dort, wo eine Straße oder ein Haus gebaut werden sollte, lief mein Vater mit seinen Kollegen das Territorium ab, um blinde Munition zu suchen und zu bergen.

Der Zweite Weltkrieg ist ein Teil meiner Kindheit.
Der Zweite Weltkrieg ist Teil der Kindheit meiner Eltern.
Der Zweite Weltkrieg ist Teil des Lebens meiner Großeltern.

Und der Holocaust auch!

Ich denke in Liebe an meine Großeltern. Die so viel Schuld auf ihren Schultern getragen haben und doch so tapfer durch’s Leben gingen und die sogar den ein oder anderen Moment der Freude erlebten.

Ich denke in Liebe an meine Eltern, die trotz der damals sehr begrenzten Umstände ihr Bestes für uns Kinder gegeben haben.

Ich will nicht, dass meine Kinder und Enkel eines Tages dieselbe Schuld in ihren Zellen gespeichert haben, wie ich sie lange in mir trug, bevor ich das Leid meiner Vorfahren erkannt und anerkannt habe!

Bevor ich lernte, durch mein Verstehen zu Verzeihen.

Meinen Vorfahren und mir selbst.

Ich will nichts mehr schuld sein!

Deutschland, du bist mir so vertraut.

Ich sorge mich um dich.

Deine Melanie

 

 

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One Comment

  1. Liebe Melanie,

    was für ein berührend ehrlicher Artikel. Es erstaunt mich immer wieder, wie ähnlich unsere Herangehensweise an solche Themen ist. Mir ging es ganz ähnlich mit den Büchern von Sabine Bode. Sie haben mir ebenfalls geholfen, das Trauma und das Verhalten meiner Vorfahren zu verstehen. Du warst durch die Geschichten Deiner Großeltern nah dran. Bei uns wurde geschwiegen. Gespürt habe ich etwas unbestimmt Dunkles, Bedrohliches, was in einer unbeschreiblichen emotionalen Kälte Ausdruck fand. Ich weiß noch, wie ich mich auf meinen früheren Reisen dafür geschämt habe, Deutsche zu sein. Deshalb habe ich lange versucht, akzentfrei Englisch zu sprechen. Dabei habe ich bemerkt, wir stark Schuld und Scham mit der Deutschen Sprache verbunden sind. Denn sobald ich eine andere Sprache spreche, fällt beides von mir ab und ich fühle mich befreit. Die Bücher und Dein Artikel helfen, dies besser zu verstehen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich damit auseinander zu setzten. Es bringt Frieden ins Herz und Mitgefühl für unsere Vorfahren. So kann heilen, was immer noch als offene Wunde daliegt.

    Danke, für den Satz: “Ich kann nur staunen, wie viel das letztlich doch noch war.” So heilsam!

    Liebe Grüße
    Claudia

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