Der Gast. Die traurige Geschichte vom traurigen Herrn Kruse

„Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungeliebtes Leben.“
Georg Jelinek

 

Ich habe eines merkwürdigen Spleen. Ich beobachte für mein Leben gerne Menschen. Ich liebe es, Menschen zu beobachten und in ihnen zu lesen. Schon als Jugendliche saß ich gerne stundenlang auf einer Bank in der Fußgängerzone und beobachtete die vielen vorbei ziehenden Menschen.

Als ich noch in Deutschland lebte, war es in Zusammenhang mit diesem Spleen vor allem eine Frage, die mich bei meinen Menschenbeobachtungen interessierte: 

Wie sieht ihre Küche aus?

Ich weiß, das klingt verwunderlich. Aber für mich sind Küchen die Seele des Hauses.

Sowohl in meinem Elternhaus als auch im Haus meiner Großeltern, wo ich viel Zeit verbrachte, war es stets die Küche, in welcher der Großteil der gemeinsamen Familienzeit stattfand.

Hier kamen alle zusammen, saßen und aßen in Ruhe und unterhielten sich. Auch außerhalb des Essens war es der Küchentisch, an dem wir saßen, um Gesellschaftsspiele zu spielen. Mensch ärgere dich nicht, Stadt-Land-Fluß, Schiffe versenken. Die Küche war der Ort der Nahrungsaufnahme. Für Körper und Seele.

Und so stellte ich mir also bei den vielen Menschen, die ich in Cafés, auf der Straße, beim Einkaufen oder im Zug beobachtete, vor allem diese eine Frage: „Wie sieht ihre Küche aus?“

Eiche rustikal? Natur oder weiß lackiert? Einbauküche oder individuell? Schick oder alternativ? Wandfarbe oder Tapete? Küchentisch? Eckbank? Anschließend versuchte ich, mir die Situationen vorzustellen, in welchen diese Menschen in ihrer Küche waren.

Seit ich auf La Gomera lebe, hat sich dieser Tick, Menschen zu lesen, zwar nicht verändert, aber die Fragestellung ist eine andere geworden. Die Küchen der Menschen interessieren mich nicht mehr, was auch daran liegen mag, dass das mit den Küchen hier auf Gomera eine ganz andere Sache ist als in Deutschland. Gefühlte 99 Prozent aller hiesigen Küchen sind identisch. Marmorplatte auf kanarischer Kiefer. Möbel-Rodriguez-Gedächtnismodell. Seit über 50 Jahren dasselbe Design. 

Nein, heute ist es eine andere Frage, die mich umtreibt, wenn ich hier die Menschen, und allen voran natürlich die Urlauber, beobachte.

Es ist die Frage nach dem Beruf.
Das ist insofern spannend, als dass hier – außerhalb des alltäglichen Kontext – die Urlauber in Freizeitkleidung zu sehen sind und die Regel „Kleider machen Leute“ für kurze Zeit gebrochen wird.

Bei den meisten der allein reisenden Frauen meine ich, auf den ersten Blick zwischen den Berufen Therapeutin, Heilpraktikerin oder Sachbearbeiterin unterscheiden zu können.

Auch bei Männern macht es mir Freude, mir zu überlegen, welchem Beruf sie wohl im echten Leben nachgehen. Manchmal ist das so schlimm, dass ich mich zurückhalten muss, um nicht zu demjenigen hin zu gehen und ihn nach seinem Beruf zu fragen und zu sagen: „Entschuldigen Sie bitte! Ich denke jetzt schon die ganze Zeit darüber nach, ob sie tatsächlich Abteilungsleiter einer Bausparkasse sind! Wären sie wohl so freundlich und würden mich erlösen und mir die Frage beantworten: Was machen sie im echten Leben?“

Eine Spezies beobachte ich hierbei besonders gerne, und das ist die, bei der ich vermute, dass sie im echten Leben „Vorstandsvorsitzender“ bzw. irgendwas mit „Manager“ sind. Auf jeden Fall sind sie wichtig.

Ich war selbst lange Zeit in der Wirtschaft tätig und hatte dort Gelegenheit, die „Wichtigen“ eindringlich zu studieren. Ich erkenne sie an ihrem Habitus. Vorstandsvorsitzende und andere, ähnlich wichtige Männer, haben eine ganz bestimmte Art der Körperhaltung, sie haben eine ganz bestimmte Art, zu stehen und ihre Arme zu halten. Von einem meiner ersten Chefs erfuhr ich, dass man dies auf Chef-Trainings lernt. Wie man souverän inmitten anderer wichtiger Leute zu stehen hat.

Auf geschäftlichen Empfängen zum Beispiel kommt man als Vorstandsvorsitzender ungemein souverän daher, wenn man die linke Hand lässig in der Hosentasche hat und mit der rechten Hand das Glas hält, während man sich mit anderen Wichtigen unterhält.

Bei hochgewachsenen Wichtigen ist es außerdem so, dass sie – wie in einer großzügigen Geste – den Rücken leicht beugen und die Hühnerbrust quasi nach innen stülpen, aber nicht, weil sie Komplexe hätten, sondern wegen einer Geste vermeintlicher Freundlichkeit , die besagen soll, dass man mit dem Fußvolk quasi auf Augenhöhe ist. 

Gleichzeitig zum künstlich gebeugten Augenhöhe-Rückgrat wird das Unterteil nach vorne geschoben, so dass sich oft eine Körperhaltung ergibt, bei der man erahnen möchte, der Herr Vorstandsvorsitzende könne jederzeit den Colt aus jener Hosentasche ziehen, in der die linke Hand so lässig steckt. Vielleicht soll das so. Das hat mir mein Chef seinerzeit nicht verraten.

Diesen Typ umgibt auch immer eine leichte herablassende Arroganz, gerne gepaart mit einem süffisanten Lächeln und der steten nonverbalen Botschaft „Ich bin wichtig, sicherlich wichtiger als du, ich habe Macht, ich bin Vorstandsvorsitzender.“

Der Vorstandsvorsitzende zeichnet sich des weiteren dadurch aus, dass ihn hier im Urlaub – und damit in Casual – aus den vorgenannten Gründen eine gewisse Unsicherheit umgibt. Hier sieht niemand (außer mir) dass er im richtigen Leben ein wichtiger Vorstandsvorsitzender ist. Er ist nicht zu unterscheiden von anderen, die eventuell im selben Outdoor-Outfit Marke Jack Wolfskin herumlaufen, und die im echten Leben vielleicht nur Abteilungsleiter sind. Auf der einen Seite ist diese Nichtunterscheidbarkeit angenehm, weil es einem die Freiheit verschafft, sich im Urlaub so zu geben, wie man wirklich ist, und Erholung insofern, dass man einfach mal nicht wichtig sein muss.

Auf der anderen Seite wirkt es aber offenbar verunsichernd! Vielleicht, weil der Alltag eines Vorstandsvorsitzenden per se wenig Gelegenheit lässt, heraus zu finden, wer man denn eigentlich ist, wenn man mal kein Vorstandsvorsitzender ist.

Genau dies bestätigte sich für mich neulich. Und es hat mich nachhaltig und tief berührt.

Wir haben ein kleines Ferienapartment, direkt am Meer. Neulich kam es zu einem kurzfristigen Storno aber da Hochsaison war, rief unsere Reiseagentur umgehend an und meinte, es sei gerade ein Herr Kruse bei ihnen, er sei schon vor Ort, müsse sein aktuelles Domizil aber bald verlassen und sei eventuell daran interessiert, unser Apartment für den jüngst frei gewordenen Zeitraum anzumieten. Er würde es sich allerdings vor  einer fixen Buchung gerne anschauen. Ich verabredete mich mit Herrn Kruse für den nächsten Morgen, 11.00 Uhr.

Als ich mich unserem Treffpunkt vor dem Haus nähere, stand Herr Kruse bereits da. Von hinten sah ich, dass er groß gewachsen war. Ein offensichtlich älterer Herr mit silbergrauem, dichtem Haar. 

Ich ging zu ihm und begrüßte ihn höflich mit Handschlag und wusste sofort: Vorstandsvorsitzender!

Der gesamte Habitus ließ schon binnen Sekunden ganz sicher sagen. Herr Kruse war wichtig! Auf dem Weg ins Apartment versuchte ich, Herrn Kruse in einen unverbindlichen Smalltalk zu verwickeln, was eine meiner ganz besonderen Stärken ist und ich perfekt beherrsche. Außer bei Vorstandsvorsitzenden, die sich per immer genau überlegen, was sie sagen und welche privaten Informationen sie freigeben. 

Dennoch gelang es mir, Hern Kruse die ein oder andere private Information zu entlocken.

Er sei gerade ganz frisch im Ruhestand, sagte er, woraufhin ich ihm gratulierte. Seine Frau sei aktuell noch in Deutschland, käme aber in ein paar Tagen nach.

Herr Kruse sah sich schweigend und mit dem kritisch prüfendem Blick eines Vorstandsvorsitzenden in unserem Apartment um. Nach etwa zwei Minuten sagte er in einem Ton, der so klang, als hätte Herr Kruse gerade einen Megadeal gemacht und unser Apartment gekauft, anstatt es für zwei Wochen anzumieten.: „Das nehme ich! Ich werde die Zahlung umgehend veranlassen“.

Am Tag des geplanten Einzugs von Herrn Kruse ging ich früh ins Apartment um durchzulüften und alles noch einmal schön herzurichten.  Während ich dies tat, stand auf einmal Herr Kruse hechelnd im Türrahmen.

Er hätte schon frühzeitig das andere Domizil verlassen müssen, die Putzfrau sei bereits aufgetaucht. Er ginge jetzt noch mal nach unten, den großen Koffer holen.

Ich sagte ihm, dass ich noch schnell ein paar Kleinigkeiten herrichten und ihm dann sein neues Reich überlassen würde.

Ich machte weiter, Herr Kruse kam mit seinem Großgepäck zurück und hechelte noch mehr als zuvor.

Er nahm mich kaum wahr, stellte seinen Koffer ab, ging auf die Terrasse und setzte sich dort auf einen Stuhl.

Als ich mit dem Herrichten fertig war, ging ich in die Küche, um Wein, Wasser und Obst zurecht zu stellen, was ich für neue Gäste immer zur Begrüßung einkaufe.

Herr Kruse saß schwer atmend und irgendwie abwesend auf seinem Stuhl auf der Terrasse und sah mit einem Blick, in dem ich so etwas wie Wehmut zu erkennen meinte, auf das weite Meer.

Gott sei Dank wusste Herr Kruse nicht, dass ich nicht nur Menschen, sondern auch Gedanken und Seelen lesen kann.

Ich las in Herrn Kruse. Da war Trauer. Und Resignation. Er war jetzt im Ruhestand. Im dritten und damit letzten Lebensabschnitt. Das, wofür man sein ganzes Leben lang gearbeitet hatte. Endstation. Eigentlich war das gut so, denn seine körperliche Kraft war nicht die von vor zwanzig oder zehn oder fünf Jahren. Dies hatte ihm sein Koffer gerade in aller Deutlichkeit offenbart.

Und das sollte es also nun gewesen sein? Ein Leben voller Erkenntnis, dass es nun mit selbigem nur noch bergab gehen konnte? Dass das Beste vorbei war? Wie viel hatte man zu sagen gehabt, wie viele wichtige und unternehmensrelevante Entscheidungen hatte man getroffen, wie oft war man zurate gezogen worden, wie viele erfolgreiche Deals hatte man abgeschlossen in all den Jahren? Wie vielen Vorstandssitzungen beigewohnt und wie viel Terminstress gehabt, wie oft war man auf Reisen gewesen und hatte in Hotelbetten geschlafen? Wie sehr war man jemand gewesen, der mitten im Leben stand?

Und nun? Ruhestand. Stillstand. Ruhe. Stille. Stand. Und Leere. So unendlich wie der weite Raum über diesem unendlich weiten Meer, über das Herr Kruse nun blickte….

Ich ging zu ihm und fragte ihn, ob ich ihm ein Glas Wasser reichen könne, ich hätte extra welches für ihn eingekauft.

„Nein, nein….“ winkte er leicht genervt ab und ich hörte seine Seele sagen „Es reicht, wenn ich mit meiner Endlichkeit gnadenlos konfrontiert werde, das muss ausgerechnet jetzt nicht auch noch jemand anderer sehen…“

Ich sagte, dass ich nun fertig sei und ihm sein neues Reich für die nächsten Tage überlassen würde und dass er sich bei der Reiseagentur melden möge, wenn ihm irgendetwas fehlte.

Er nickte.

Ich ging und schloss die Tür hinter mir zu.

Unten auf der Straße ging ich an unserem Apartment vorbei . 

Ich sah noch einmal hinauf. Herr Kruse saß immer noch unverändert da und schaute mit seinem wehmütigen, leeren Blick über das weite Meer gen Horizont.

Und ich fragte mich, wie es sich wohl anfühlen mag, wenn man eines Tages an einem Punkt in seinem Leben angelangt ist, an dem man nichts mehr machen muss, außer dieses Leben zu genießen, das man vorher niemals hatte.

Epilog:
Zwei Wochen später ging ich wieder in unser Apartment. Herr Kruse war an diesem Morgen ausgezogen. Ich hatte eine Vorahnung, wie er es wohl hinterlassen haben würde. Als ich das Apartment betrat und mich umsah, stellte ich fest, dass sich meine Vorahnung bestätigt hatte. Herr Kruse hatte sein Feriendomizil genau so hinterlassen, wie er vermutlich eines Tages aus diesem Leben scheiden würde. Nahezu spurlos.

 

Melanie Kaltenbach, Februar 2017

Posted in Die Inselpoetin.

2 Comments

    • Vielen Dank, Lilli! Die Geschichte hat sich ja tatsächlich so zugetragen, sie ist (leider) nicht erfunden und kommt sicher öfter vor, als man denken möchte….

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