Das Geschenk

Gestern Abend kam es angeflogen.
Ohne Vorwarnung.
Einfach so.
Aus heiterem Himmel.
Ein Geschenk.
Ein Text.
Ein Textgeschenk.

Eine liebe Freundin hat ihn geschrieben und seit Tagen dachte sie darüber nach, ihn mir zu schenken und gestern Abend nun tat sie es. Und sandte mir ihren Text. Er handelt von der Vergänglichkeit, von ihrer Vergänglichkeit und von der mittlerweile freudvollen Selbstverständlichkeit ihrer Vergänglichkeit. Meine Freundin ist schon über 70 Jahre alt und eine seltene und sehr wohltuende Kombination aus Altersweisheit und jungem Geist.

Ihr Text war lang, sehr lang.

Normaler Weise lese ich nicht gerne lange Texte, obwohl ich ein Schnellleser bin. Aber der Text meiner Freundin, der liess mich von Wort zu Wort hüpfen, so, wie man über einen kleinen Bach von Stein zu Stein hüpft. Leicht, mühelos, genießend. In der Beschreibung ihrer Vergänglichkeit ging es nur um sie selbst und doch fand ich mich in so vielen Passagen wieder, sah mich, ohne direkt angesprochen zu sein.

Und seit ich gestern Abend diesen Text las, und er wie ein leuchtender Funke in meine Seele schwebte, entfacht er ein Feuer in mir, das so viel erhellt, das ich bislang nicht sah und verbrennt gleichzeitig alles, was nicht meins ist, was nicht zu mir gehört, was lange schon weg kann.

So viel Einfluss von außen, der meine eigene Urfarbe verfärbt hat, brennt und fließt weg. Einfach so.

Ich fühle mich beseelt, es ist, als würde meine Seele seit gestern Abend hin- und hergewogen, wie in einem Weidenkörbchen, den Frühling und seine sanfte Luft genießend, wissend, es ist alles getan und es gibt nichts zu fürchten, außer dem Verlust meiner Selbst. Sonst nichts.

Und ich weiß nun auch wieder, wie ich fortan schreiben will und wie ich es lange nicht tat, weil ich dachte, ich müsste es anders tun. Ausgerechnet ich, die ich eigentlich immer dachte, ich schriebe schon so echt und authentisch.  Nein, ich schrieb immer mit einer gewissen Absicht und schon lange nicht mehr so, wie ich es selbst immer predige (was ich übrigens fortan auch nicht mehr tun werde: predigen!), nämlich aus den reinen Vollen schöpfend, gebend, verschenkend.

So, wie meine Freundin.

Und seit meine Seele diesen Entschluss gefasst hat, fortan wieder nur aus den Vollen schöpfend zu schreiben, wird es auf einmal so leicht in mir, purzeln mir tausend Geschichten zu, die schon so lange geschrieben werden wollen und die ich mich nie traute, zu schreiben, die ich höchstenfalls hinter vorgehaltener Hand erzählte, weil ich dachte, es macht keinen Sinn, sie aufzuschreiben, schlimmstenfalls könnten sie verstörend wirken.

Dabei ist das, was verstört, das Zerrbild von mir, das ich durch das Zurückhalten all meiner Geschichten und Gedanken erzeugt habe. Mundgerechte Häppchen für den Rezipienten.
Die alte Angst, jemanden zu überfordern mit dem, was ich bin und denke. Was ich so gut verstehen kann, schließlich bin ich selbst des öfteren mit mir überfordert, haha.

Fortan werde ich anders schreiben. Keine Predigten mehr. Kein Missionieren mehr. Keine Moralpredigten mehr. Kein: “Ich habe die Weisheit nicht aus goldenen Löffeln geschlürft, ich habe darin gebadet!”
Hahaha! Wie lächerlich und absurd!

Und wenn ich beim Texten doch mal wieder den Zeigefinger erhebe, dann nur deshalb, weil ich gerade sinnierend in der Nase bohre. Was vorkommen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Melanie

PS: Ich widme diesen Post meiner lieben, weisen, alten, jungen Freundin G. Du hast meine Seele ausgepackt. Danke.

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