Bin ich mein Sofa? Oder: Wie eine Existenzkrise mich zum reichsten Menschen der Welt machte

Da trugen sie es raus. Einer der beiden Männer hatte es vor drei Tagen bei eBay ersteigert. Ich war sicher, er würde niemals den Wert ermessen können, den das von ihm zu einem Spottpreis erworbene Teil hatte.

 

Mein schönes, geliebtes Sofa! Wie viele Stunden der Muße hatte ich auf ihm verbracht, wie viele Nächte auf ihm geschlafen, wenn ich völlig erschöpft vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen war? Wie viele Regennachmittage hatte ich mich in seine dicken Kissen hinein gekuschelt und ein schönes Buch gelesen oder Musik gehört? Wie viele liebe Menschen hatten auf ihm Platz genommen?  Meine Familie, meine Freunde. Nun hatte ich es an einen Fremden verkauft und der war gerade dabei, es in seinen Besitz zu nehmen.

Panik beschlich mich. Konnte das wirklich mein Ernst gewesen sein!? Mein Sofa zu verkaufen? Dieses eine und auch das andere, kleinere? Überhaupt: ALLES zu verkaufen, was verkäuflich war? Meine schönen alten Schränke, die Tische, die Lampen, die Regale, die Kommoden, meine Stereoanlage, die ganzen anderen Elektrogeräte? Meine Bilder? Und alles, was nicht verkäuflich oder von ideellem Wert war, wie zum Beispiel der Großteil meiner Bücher, zu verschenken?

 

Bin ich mein Sofa? Mein Haus, mein Auto, mein Pferd…?

Wer war ich denn noch, wenn ich all diese Dinge nicht mehr besitzen würde!? Was bleibe dann von mir? Das war doch ein Teil von mir, dieser Besitz. Den hatte ich mir doch über all die Jahre erworben und angesammelt. All diese Dinge waren doch ein wesentlicher Bestandteil meiner Identität! Oder? Oder war es vielleicht anders herum…? War vielleicht vielmehr ICH Teil meiner Besitztümer und besaßen diese Dinge letzten Endes MICH?
„Besitz belastet“ hatte ich vor vielen Jahren mal in einem Film gehört und gerade jetzt, in diesem Moment, verstand ich diesen Satz zum ersten Mal voll und ganz!
Na gut. Bei einem Sofa, das ich mir vor ein paar Jahren zugelegt hatte, da war ja vielleicht doch nicht so viel Wichtigkeit drin. Aber was war mit all den Dingen, an die ich Kindheitserinnerungen knüpfte? Mein schöner alter Kleiderschrank zum Beispiel, der schon meiner Urgroßmutter gehört hatte und der viele Jahre lang auf dem Dachboden des Hauses meiner Großeltern gestanden hatte. Der hatte doch noch mal einen ganz anderen „Wert“, der war doch voller Erinnerungen, den konnte ich doch nicht einfach verkaufen und dann ohne ihn weiterleben!? Mein Herz schmerzte und ich weinte in Erinnerung an die vielen glücklichen Tage auf dem Dachboden des Hauses meiner Großeltern.

 

Home is where the heart is

Ein Schrank voller Erinnerungen!? Wo waren denn all diese Erinnerungen an meine Kindertage, die mich letztlich zu der gemacht hatten, die ich heute war, wirklich?
Waren all diese Erinnerungen nicht vielmehr in mir und in meinem Herzen für immer abgespeichert und jederzeit abrufbar?

Die Tage vergingen. Nach und nach trugen fremde Menschen mir vertraute Gegenstände aus meiner Wohnung. Der Raum um mich wurde immer leerer und größer. Kaum noch etwas, das ich mit meinem vergangenen Leben verband.

Am schwierigsten war der ganze Nippes, den ich mir im Laufe der Jahre selbst zugelegt oder hatte schenken lassen. Unzählige Kerzen- und Bilderständer, Blumenvasen, Schlüsselanhänger, Mäppchen, Brillenetuis, Sammel-Döschen, Stehrümchens und Verstaubschöns!  Diese Dinge konnte ich weder verkaufen, noch verschenken. Ich packte sie in einen großen Karton und stellte diesen auf den Sperrmüll, in der Hoffnung, dass irgendwer noch Gefallen an dem ein oder andere Stück finden würde. Dann war alles weg.


Obdach- und schwerelos im Weltall

Das hatte ich so gewollt, denn ich wollte in einem Monat nach La Gomera umziehen und nur das Allerwichtigste mitnehmen. Ich hätte nicht gedacht, wie wenig vom Allerwichtigsten letztlich übrig bleiben würde. Je mehr ich los ließ, desto leichter ging es. Die letzten mir verbliebenen Besitztümer passten in vier Umzugskartons und einen Koffer.

Meine Nachmieterin kam zur Wohnungsübergabe. Alles war leer, bis auf die Teile, die sie übernommen hatte. Ich gab ihr den Wohnungsschlüssel. Nun besaß ich wirklich nichts mehr, nichtmal mehr einen Wohnungsschlüssel. Bis zum Bezug meiner ersten Wohnung auf La Gomera in zwei Wochen war ich obdachlos. Puh!


Reichtum

Als ich am Flughafen stand und auf meinen Flieger wartete und auf die Abflugtafel schaute, da wurde mir plötzlich vollumfänglich bewusst: Ich war frei!
Ich konnte jetzt, da ich kaum noch etwas besaß und von nichts mehr besessen wurde, überall hingehen.
Nach Indien, Amerika, Afrika, Asien. Ich war frei. Einfach frei. Frei wie der Wind.

Ein nie gekanntes Gefühl erfüllte mein Herz: Das der absoluten Freiheit. Und damit verbunden ein Gefühl nie gekannten Reichtums.

Evolution

Diese Erfahrung zähle ich zu einer der wichtigsten und evolutionärsten meines Lebens! Durch die vielen mit dem Prozess des radikalen Loslassens verbundenen Existenzängste bin ich in einem Ausmaß gewachsen, das ich in dieser Form niemals geahnt hätte.
Ich identifiziere mich nicht mehr mit Besitz. Im Gegenteil. Ich meide ihn. Ich bin durch diese Erfahrung zu einer Art Konsumverweigerer geworden. Ich konsumiere nicht mehr des Konsumierens wegen, ich konsumiere nahezu ausschließlich aus Notwendigkeit.
Durch diese Art – fast „Kunst“ – des Konsumierens kann ich mir zudem erlauben, sehr bewusst zu konsumieren. Es interessiert mich, ob die Kleider, Gegenstände und Nahrungsmittel, die ich kaufe, sauber produziert wurden. Also ob sie unter ethischen und ökologischen Aspekten zu meiner Wertewelt passen.

Ich habe gelernt, dass der größte Reichtum des Lebens darin besteht, frei zu sein. Und dass diese Freiheit unendlich viele Möglichkeiten birgt. Allem voran die Möglichkeit, zu leben. Voll und ganz!


Existenzielle Fragen

Wie viel besitzt du? Was möchtest du unbedingt noch besitzen? Und warum?
Wann hast du zum letzten Mal „Tabula Rasa“ gemacht und dich gefragt, was du wirklich brauchst und vor allem, warum?
Was bliebe von dir, wenn du nichts mehr besäßest und du nicht mehr besessen würdest?
Glaubst du, dass du das Gefühl von „Schwerelos im Weltall“ überleben würdest?
An was hältst du fest?
Von was wirst du gehalten?
Was hält dich?
Ganz konkret und ganz abstrakt?
Kannst du dir vorstellen, frei zu sein?

Falls diese oder andere existenzielle Fragen dich gerade umtreiben und du nach Antworten suchst, dann melde dich bei mir. Hier ist jemand, der weiß, wie man „Schwerelosigkeit im Weltall“ erfolgreich und sehr glücklich überlebt. Mit oder ohne Sofa.

Ich freue mich auf dich!

unterschrift-melanie_thin_small

 

 

 

 

 

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5 Comments

  1. Wunderbar… Ich bekomme so richtig Lust auszumisten… Den ganzen Nippes, Krempel… Wo man meint, das MUSS man doch haben!!! Wieviel Platz für Neues wäre!!! DANKE

    • Ja. liebe Sylke! Ich mache es mittlerweile regelmäßig. Und es tut immer wieder gut!
      Ganz lieben Dank für deinen Kommentar!
      Melanie

  2. Pingback: Anne. Oder: Wie ein seltsames Buch mein Leben für immer veränderte | Melanie Kaltenbach

  3. Haha! Ich habe schon angefangen! Dieser Artikel spornt mich an und ich bekomme immer mehr Lust, Ballast abzuwerfen, um dir im April auf die Nachbarinsel zu folgen. Schön, dass es dich gibt und du uns teilhaben lässt, wie sehr es sich doch lohnt, den freien Flug zu wagen 😉 Ganz lieben Dank Andrea

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