Berufung ist das, was dich ruft. Und dir ordentlich in den Hintern tritt, wenn du sie nicht hörst! ;-)

“Berufung”. Das klingt so sanft und so süß. Wie ein leises Säuseln im Frühlingswind, dem hinzu man sich – barfuß über bunte Blümchenwiesen – freudig nähert. Hach! In meinem Fall war das mit der Berufung ein klein wenig anders. Es war ein kräftiger Tritt in den Hintern, der mich ZACK aus meiner Komfortzone heraus katapultiert und in den Morast meines Seins geschmissen hat. Nix mit Blümchenwiese.

 

Es war 1996 und ich war gerade mal 26 Jahre alt, als ich plötzlich erstmalig Veränderungen bei mir feststellte.
Als Fremsprachenkorrespondentin hatte ich einen tollen Job als Assistentin des Kaufmännischen Leiters in einem internationalen Konzern. Super Chef, super Kollegen, super Arbeitszeiten, super Büro, super Umfeld, super Gehalt. Alles super.

Die ersten Anzeichen

Irgendwann stellte ich fest, dass ich innerlich immer unzufriedener wurde. Es fiel mir – zunächst ganz subtil – täglich schwerer, meinen eigentlichen Aufgaben nachzukommen. Außerdem erkundigte ich mich intensiv nach Fernstudiengängen. Irgendwas mit Psychologie oder Personalwesen sollte es ein. Ich kam schnell zu dem Schluss, dass ich wohl niemals die notwendige Ausdauer für ein Fernstudium aufbringen würde. Ein Vollzeitstudium kam ebenfalls nicht infrage. Weil: super Gehalt = super Komfortzone.

Also versuchte ich, mich mit dem, was ich hatte, zufrieden zu geben und tat so, als ob. Bei jedem neuen Anflug innerer Unzufriedenheit redete ich mir meinen Ist-Zustand wieder schön. „Nun sei‘ mal zufrieden“, „Andere wären froh, wenn sie unter solchen Bedingungen arbeiten dürften“, „So einen Job findest du so schnell nicht wieder“, „Man kann halt nicht alles haben“, „Blabla“.
Das Schicksal oder wer auch immer war damit offenbar nicht ganz einverstanden…

Wer nicht auf seine Seele hören will, der muss sie fühlen

1997 ging mein super Chef in Rente. Und das Schicksal brachte mir einen neuen. Dieser neue Chef, so kann ich heute sagen, war mein ganz persönlicher Mensch gewordener Tritt in den Hintern, um endlich meinen Weg zu gehen!
Ich mach’s kurz: Ganze drei Jahre lang habe ich mich von diesem neuen Chef mobben lassen. Ich weiß heute, dass ich großen Anteil daran hatte, denn zum Mobbing gehören grundsätzlich mindestens zwei Parteien: Eine, die mobbt und eine, die sich mobben lässt.
Das Ende dieses Kapitels gipfelte für mich  in einer hochgradigen Belastungsdepression, einem damit verbundenen Totalzusammenbruch und einer fast einjährigen Arbeitsunfähigkeit, inklusive mehrwöchigem Aufenthalt in einer Rehaklinik. Tiefer kann man kaum sinken. Aber wenn man mal ganz unten ist, dann geht’s ab da nur noch aufwärts!


Hop oder Top? Du musst dich entscheiden!

In dem Jahr meiner Arbeitsunfähigkeit hatte ich viel Zeit und Raum, über mein Leben – mein vergangenes und mein zukünftiges – nachzudenken.
Ich dachte nach. Und traf eine Entscheidung: Ich entschied mich für mich. Ich kündigte mein sicheres und komfortables Arbeitsverhältnis und beschloss, mit meinen damals 30 Jahren ein Vollzeitstudium zu wagen.

Betriebspädagogik, Arbeits- und Organisationspsychologie und Politische Wissenschaft war die perfekte Kombination für mich, die mir die Legitimation gab, mich intensiv mit all dem zu beschäftigen, was mich wirklich interessierte! Ich wollte herausfinden, wie es sein kann, dass Chefs sich derart destruktiv verhalten, wie mein Ex-Chef es getan hatte. Ich wollte wissen, welches die Ursachen und die Motive bossender Führungskräfte waren, wie oft so etwas vorkam und was es brauchte, diesem Verhalten entgegen zu wirken.

So wohltuend meine Entscheidung für ein Studium auch war, so war sie andererseits auch mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden. Etwas, das mir viele Momente massiver Existenzangst bescherte. Ich musste einen völlig neuen Umgang mit Geld erlernen, was sich aber sehr schnell als sehr erfüllende Angelegenheit entpuppte. Denn dadurch, dass ich innerlich viel erfüllter war, brauchte ich im Äußeren keinerlei Pseudo-Kompensation für die vorherige innere Leere mehr.

Eine weitere Herausforderung stellte das Lernen dar. Zwar hatte ich mein Gehirn durch das regelmäßige auswendig lernen von Gedichten einigermaßen fit gehalten, aber nach fast 10 Jahren lernfreier Zeit die komplexen wissenschaftlichen Zusammenhänge eines Studiums zu lernen und bis zum Examen im Kopf zu behalten, das war dann doch eine ganz andere Nummer.
Also lernte ich, wie man lernte, beziehungsweise wurde mir zum ersten Mal klar, dass es ganz unterschiedliche Lerntypen gab und zu welcher Kategorie ich gehörte.

Wann immer meine Motivation zu schwächeln drohte, dachte ich an meinen Ex-Chef. Im Nachhinein muss ich sagen, dass mein Ex-Chef, für den ich seinerzeit nun wahrlich keinerlei Sympathien hegte, mein größter Motivator war, mein Studium auch in schwierigen Phasen durch zu ziehen und letztlich erfolgreich zu beenden. Immer, wenn es mal schwierig wurde, machte ich von meiner blühenden Phantasie Gebrauch: Ich sah ich mich als Expertin meines Fachs auf einer großen Bühne stehen und einen Vortrag halten. Und ER saß im Publikum und hörte MIR zu. Ha! Allein die Vorstellung reichte, mich wieder anzutreiben und weiter zu machen.


Wind of change

Im Laufe des Studiums besuchte ich ein Seminar zum Thema „Change Management“. Klang spannend. Abgehalten wurde es von einem Privatdozenten, der eine Agentur hatte, die Großkonzerne zum Thema „Change Management“ beriet. Große Güte, was hatte dieser Mann Geschichten zu erzählen! Das war spannender als jeder Krimi! Mein Herz flammte auf! DAS war genau DAS, was ich machen wollte!

Mit all meinem Charme gelang es mir, den Dozenten davon zu überzeugen, mir ein Praktikum in seiner Agentur anzubieten. Yeah! Der Klassiker war die Folge: Über das Praktikum kam ich an meine ersten Trainerjobs und landete schließlich sehr schnell in hochkomplexen Change-Projekten, wo ich ebenso hochkomplexe Aufgaben übernahm: Recruiting, Teambuilding, Führungskräfteentwicklung und Beratung in Bezug auf psychostrategische Change-Maßnahmen.

Die größte Erkenntnis, die ich in der Ausübung meiner Berufung mit so vielen Menschen erlangte war ausgerechnet die, die mich seinerzeit dazu gebracht hatte, zu studieren: Der Fisch stinkt vom Kopf.

Ich habe Führungspersonen erlebt, die waren exzellent!
Diese Chefs zeichneten sich durch eine hohe intellektuelle UND emotionale Intelligenz, durch eine große innere Stärke und Stabilität aus. Faktoren, die es ihnen ermöglichten, ihren Mitarbeitern maximale Handlungsfreiräume zu geben. Der heutzutage wichtigste Faktor wirksamen Leaderships und Changemanagements. Die Teams dieser Führungspersonen waren diejenigen, die die größten Erfolge verbuchen konnten, die sich situativ und rasend schnell immer wieder neu erfanden, sobald Veränderungen von außen dies erforderten.

Und dann gab es jene Chefs, die zwar eine hohe intellektuelle Kompetenz aufwiesen und die in ihrem Fach wahre Meister waren, denen aber der menschliche Faktor vollkommen abging. Die Teams dieser Führungspersonen waren zwar oftmals zu allem bereit, wurden aber in der Umsetzung letztlich immer wieder ausgebremst. Erfolg gleich null.


Führen heißt: Fühlen!

Meine Magisterarbeit ist diesen letztgenannten Chefs, ihren Teams und letztlich auch meinem Ex-Chef gewidmet.
Sie hat den Titel „Führung und Emotion„.

Wir können es uns nicht leisten, die emotionale Komponente von Führung nicht intensiv zu betrachten.
Unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft erkranken zunehmend deshalb, weil sie in der Vergangenheit viel zu sehr in Objekten gedacht haben.
Wir sind dringender denn je aufgefordert, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft wieder als das wahrzunehmen, was sie ist: Eine Gesellschaft von Menschen! Von Menschen, die fühlen!

Derzeit bereite ich meine Magisterarbeit zu einem leserfreundlichen Buch auf.
Wenn es fertig ist, werde ich ein handsigniertes Exemplar nebst Blumenstrauß an meinen Ex-Chef senden. Ich habe ihm viel zu verdanken… 😉

„Ein Unternehmen, das in Zukunft überlebensfähig sein will, muss über kurz oder lang zur Etablierung einer neuen Unternehmenskultur kommen, in der ein offenes Miteinander – das eine zunehmende Prozessorientierung unbedingt braucht – auf der Tagesordnung steht.“ (Melanie Kaltenbach)

 

Herzliche Grüße!

Deine

 

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PS: Ich freue mich über dein Feedback!

 

Posted in Changemanagement, Führung.

4 Comments

  1. Wow, wirklich beeindruckend wie du die negative Energie für etwas positives genutzt hast! Was das angeht, bist ab jetzt du mein Vorbild!

  2. Klasse, erkenne mich in vielem auch wieder. Ich habe auch meine Arschtritte erhalten und meine Arschengel kennengelernt. Heute sage ich…wunderbares Leben du meinst es immer gut mit mir.
    Wie schön, dass du deinen Weg gefunden hast. Ich mag es wie du über dich und das Leben schreibst. Hast jetzt einen Fan mehr. Lebe damit 😉

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