Als ich eine Burka trug: Oder: Im Schutze der Identitätslosigkeit

In meiner Freizeit mache ich mit ein paar Freunden Kleinkunst. Wir nennen uns „Inselpoeten“ und treten in der Hochsaison ein Mal im Monat auf. Mein Part ist eigentlich StandUp-Comedy. Doch neulich schlüpfte ich in eine ganz andere Rolle, die mich zutiefst und nachhaltig beeindruckt hat….

Bei unserem letzten Auftritt standen wir bei einem Musikstück ausnahmsweise alle gemeinsam auf der Bühne. Es geht in diesem Lied mit dem Titel „Eins sein“ um die verschiedenen Weltreligionen und überhaupt um Vielfalt und darum, dass wir im Grunde genommen alle eins sind. Unsere Künstler-Truppe besteht aus ingesamt sechs Personen und da Adi der Musiker in unserer Runde ist, durften wir restlichen fünf uns überlegen, wer welche Weltreligion repräsentiert. Mir war das relativ egal. Am Ende repräsentierte ich den Islam und trug zu diesem Zweck eine Burka. Ich hätte nicht gedacht, was diese Rolle mit mir machen würde…

Ich überlegte, wie ich mir ohne großen Aufwand eine Burka basteln könnte. Schnell fiel mir die Lösung ein: Ein schwarzes Halstuch, um das Gesicht zu bedecken und ein schwarzes großes Wollcape als Kopfbedeckung. Ich holte beides aus dem Schrank und begann, mich zu verkleiden. Dann nahm ich einen Handspiegel und betrachtete mich darin.

Was dann mit mir geschah, war so groß und so bedeutsam, dass es mich geradezu erschüttert hat!

Mir war, als hätte ich von einem Moment auf den anderen meine komplette Identität verloren. Da war kein „ich“ mehr. Nur der schwarze Schleier und meine Augen. Sonst nichts. Melanie war verschwunden. Irgendwo, im Schutze dieses schwarzen Schleiers, hatte sie sich aufgelöst. Das war auf unangenehme Weise überwältigend. Auf der anderen Seite stellte ich parallel zu diesem Identitätsverlust fest, wie sehr ich mich auch beschützt fühlte. Diese totale Verschleierung gab mir Schutz, ich war nicht mehr angreifbar.

Ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion zu den verschiedenen Religionen und über den Sinn und Zweck von Burkas führen. Es geht mir um etwas anderes. Denn:

In diesem Moment wurde mir so klar wie nie zuvor, was es heißt, eine Identität zu haben und sie zu zeigen!

Sich zu zeigen heißt, angreifbar zu sein. 
Je weniger sichtbar wir sind, desto unangreifbarer fühlen wir uns.
Denn da ist ja nichts, was angreifbar wäre.
Je mehr wir uns zeigen, desto mehr Menschen wird es geben, denen nicht gefällt, was sie sehen.
Je mehr wir unsere eigene Identität offenlegen, desto mehr Angriffsfläche bieten wir.
Genau das ist der Grund, warum so viele von uns Angst haben, sich so zu zeigen, wie sie sind!

Die Frage ist: Wie stark bist du, ist deine Identität, damit du potenzielle Angriffe in Form von Kritik aushalten kannst?

Dies ist für mich DIE Zentralfrage in Bezug auf Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung.
Wo bist du tatsächlich (noch) angreifbar?
Ist das wirklich (noch) relevant?
Wem räumst du das Recht ein, dich zu kritisieren und in dem, was du bist – in deiner Identität – anzugreifen?
Lies diesen Satz bitte noch einmal: Wem räumst DU das Recht ein?

Wir sind es, die den anderen das Recht einräumen, über uns zu urteilen. Niemand sonst.
Je mehr wir uns selbst das Recht einräumen, so zu sein, wie wir sind, desto weniger wird es uns tangieren, dass anderen vielleicht nicht gefällt, was sie sehen. Desto weniger sind wir angreifbar. Dann sind wir frei!

Ich selbst bin in den letzten 20 Jahren durch einen intensiven Selbstwerdungsprozess gegangen. Und gehe immer noch und halte es für sehr wahrscheinlich, dass ich bis zum Ende meiner Tage nicht aufhören werde, zu werden. Ich weiß, mit wie vielen Ängsten dieser Weg teilweise gepflastert ist und ich weiß auch, dass man diesen Weg nicht „mal eben so“ geht.

Aber jeder Schritt bringt dich ein Stück weiter und ist es wert, gegangen zu werden.

Irgendwann wirst du feststellen, dass du immer mehr „Du selbst“ geworden bist, dass du dich immer sicherer in dir selbst fühlst und damit auch immer mehr inneren Frieden spürst. Du wirst dir – vielleicht ganz plötzlich – deiner wahren Identität bewusst. Und spätestens dann brauchst du weder Schleier noch Masken.

Dann bist du frei.

Ich wünsche dir, dass du deinen Weg zu dir mutig gehst und werden kannst, wer du bist!
Wenn du jemanden brauchst, der dich ein Stück auf diesem Weg begleitet: Hier bin ich!

Alles Liebe für dich!

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2 Comments

  1. Toller Artikel Melanie, vielen Dank dafür ❤️
    Wie du diese Erkenntnis, die du mit der Verschleierung hattest, beschreibst, ist so wunderbar nachvollziehbar.
    In einem Punkt würde ich allerdings gerne noch etwas ergänzen: auf die Frage „wem räume ich das Recht ein, mich zu kritisieren?“ Kann ich nicht so absolut mit : „Niemandem“ antworten. Vielleicht würde ich es nicht unbedingt Kritik nennen, schon aber ehrliches Feedback, das mich auch mal an meine Grenzen bringen kann und sich im ersten Moment vielleicht auch nicht so gut anfühlt. Das erlaube ich allerdings in der Tat nicht Hinz und Kunz..ich wähle aus….und das ganz bewusst. In meinen Augen ist das für die persönliche Entwicklung unabdingbar. Aber auch hier: immer wieder überprüfen, bei wem es noch stimmig ist und bei wem nicht.

    Alles Liebe
    Katja

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Katja! Ich gehe in Bezug auf deine Ergänzung absolut konform mit dir! Mir ging es eher um die destruktiven Kritiker, die uns im Prozess der Selbstwerdung ausbremnsen. Konstruktive Kritik hingegen ist der Selbstwerdung und Entwicklung immer förderlich (auch und gerade an den Punkten, wo es mal weh tut) und man darf sich wirklich glücklich schätzen, wenn man solche Menschen in seinem Leben hat, denen von Herzen und aus Liebe daran gelegen ist, dass man der wird, der man ist. Alles Liebe auch für dich und viele Grüße – Melanie

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